Das fremde Kind

Das fremde Kind

Zusammenfassung: „Das fremde Kind" in drei Sätzen:

Felix und Christlieb bekommen von reichen Verwandten teures Spielzeug geschenkt, das schon nach zwei Tagen kaputt ist – im Wald aber treffen sie ein fremdes Kind, das aus Moos, Kieseln und Sonnenlicht die schönsten Spiele macht.

Das fremde Kind erzählt ihnen von seiner Mutter, der Königin, und von deren Feind Pepser, dem Gnomenkönig, der sich in eine große Fliege verwandeln kann.

Als der neue Hauslehrer Magister Tinte ins Haus kommt, erkennen die Kinder in ihm den Gnomen und vertreiben ihn – das fremde Kind muss zwar fortgehen, kommt aber noch einmal wieder, als die Geschwister es am nötigsten brauchen.

Das fremde Kind – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 9 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab 4 Jahren, zum Selberlesen ab etwa 7
  • Herkunft: E. T. A. Hoffmann, 1817
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung
Es war einmal ein Edelmann, der hieß Herr von Brakel und wohnte mit seiner Frau und seinen beiden Kindern in dem kleinen Dorf Brakelheim. Reich waren sie nicht. Das Haus war klein, das Dach war alt, und wenn es regnete, stellte die Mutter einen Topf unter die Stelle, an der es durchtropfte.

Aber hinter dem Haus fing der Wald an, und der gehörte Felix und Christlieb ganz allein. Dort kannten sie jeden Baum, jeden Ameisenhaufen und jede Stelle, an der die Erdbeeren zuerst rot wurden. Von morgens bis abends waren sie draußen, und abends kamen sie mit zerkratzten Knien und voller Geschichten nach Hause.
Das fremde Kind Eines Tages kam Besuch: der reiche Vetter aus der Stadt mit seiner Frau und seinen beiden feinen Kindern. Sie brachten eine große Kiste voller Spielzeug mit. Darin lagen ein Jäger, der mit dem Kopf nickte, eine Dame, die auf einer Harfe spielte, wenn man sie aufzog, ein Männchen, das sich verbeugte, und ein ganzer Garten aus lackiertem Holz.

„Aber nicht zu fest anfassen", sagte der Vetter. „Und auf keinen Fall mit hinaus in den Dreck."

Felix und Christlieb gaben sich ehrlich Mühe. Doch der Jäger konnte nicht laufen, die Dame konnte nur ein einziges Lied, und schon am zweiten Tag war der Harfe die Saite gerissen und dem Männchen der Arm abgefallen. Da packten die Kinder alles wieder in die Kiste, stellten sie in die Ecke und liefen hinaus in den Wald.

Und dort, mitten auf einer sonnigen Lichtung, saß ein Kind, das sie noch nie gesehen hatten.
Das fremde Kind Das fremde Kind war schöner als alles, was sie kannten. Sein Kleid sah aus, als wäre es aus Licht und Blättern gewebt, und niemand hätte sagen können, ob es ein Junge oder ein Mädchen war.

„Warum seid ihr traurig?", fragte es. „Ihr habt doch alles." Dann zeigte es ihnen, was es meinte. Aus Moos baute es ein Schloss mit Zinnen und Toren. Aus Kieseln machte es Spielsteine, die funkelten wie Edelsteine. Aus zwei Grashalmen wurde eine Flöte. Es rief, und die Rehe kamen aus dem Dickicht. Es sang, und die Vögel setzten sich ihm auf die Hand. Ein Schwarm goldener Käfer hob Christlieb hoch und trug sie über die Wiese, dass sie vor Lachen kaum Luft bekam.

Von diesem Tag an kam das fremde Kind jeden Morgen. „Wo wohnst du?", fragte Felix einmal.

„Weit fort", sagte das Kind. „Meine Mutter ist eine Königin. Aber ich darf nicht nach Hause, solange ihr Feind frei herumläuft."

„Wer ist ihr Feind?", fragte Christlieb.

„Pepser, der Gnomenkönig", sagte das fremde Kind leise. „Er war einmal Minister am Hof meiner Mutter, und sie hat ihn davongejagt. Seitdem sucht er mich. Und er kann sich verwandeln – am liebsten in eine große, dicke Fliege."
Das fremde Kind Nicht lange danach brachte der Vater einen Hauslehrer mit nach Hause. Magister Tinte hieß er, und schon als er zur Tür hereinkam, wurde es im Zimmer kühl. Er war klein und dick, trug einen schwarzen Rock, und seine Augen standen ein wenig zu weit auseinander.

Von nun an war es vorbei mit dem Wald. Von morgens bis mittags mussten Felix und Christlieb Buchstaben malen und Sätze nachsprechen, die keinen Sinn ergaben. Und wenn sie doch einmal hinausdurften, war Magister Tinte immer schon da. Er saß auf einem Ast. Er hockte im Gras. Er summte hinter ihnen her.

Das fremde Kind kam immer seltener. „Er ist es", flüsterte es zuletzt. „Aber solange ihr keine Angst vor ihm habt, kann er euch nichts tun."

Am nächsten Morgen stand Magister Tinte im Garten und schnappte nach den Bienen. Da fasste Felix sich ein Herz, stellte sich vor ihn hin und rief so laut er konnte: „Ich kenne dich, Pepser!"
Das fremde Kind Im selben Augenblick war der Magister nicht mehr da. Auf dem Gartentisch saß eine riesige, schillernde Fliege, so groß wie eine Katze, und surrte vor Wut. Christlieb schrie nicht, sondern nahm den Besen und schlug nach ihr. Die Fliege schoss über den Zaun, brummte noch einmal böse über den Bäumen und war fort. Man hat sie nie wieder gesehen.

Die Kinder rannten in den Wald, um es dem fremden Kind zu erzählen. Doch es saß blass auf seinem Stein. Sein Kleid war zerrissen, und sein Gesicht war so weiß wie Birkenrinde.

„Er hat mich getroffen, bevor er ging", sagte es. „Ich muss heim zu meiner Mutter. Aber weint nicht. Ich bin nicht wirklich fort. Ich bin überall dort, wo ihr genau hinschaut."

Es küsste die beiden auf die Stirn. Dann ging ein Rauschen durch die Wipfel, und die Lichtung war leer.
Das fremde Kind Der Herbst kam, und mit ihm kam Kummer. Der Vater wurde krank und stand nicht wieder auf. Das kleine Haus in Brakelheim mussten sie verlassen, und die Mutter zog mit Felix und Christlieb zu Verwandten in die Stadt.

Am Abend vor der Abreise gingen die Kinder noch einmal in den Wald. Sie setzten sich auf den Stein und sagten kein Wort. Da fiel plötzlich ein warmer Lichtstreifen zwischen die Stämme, und mitten darin stand das fremde Kind, ganz heil und ganz hell, und lächelte ihnen zu.

„Ihr habt mich nicht vergessen", sagte es. „Dann habt ihr auch nichts verloren."

Felix und Christlieb wurden groß und wurden alt, und sie haben nie wieder etwas besessen, das so viel wert war wie das, was sie damals hatten: einen Wald und einen Freund. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann erzählen sie noch heute davon.

Hinweis: Diese moderne Variante des Märchens „Das fremde Kind" basiert auf der Erzählung von E. T. A. Hoffmann aus dem Jahr 1817. Sie wurde durch uns modernisiert, orientiert sich aber inhaltlich am Original und spiegelt in Teilen nicht die Wertvorstellungen des 21. Jahrhunderts wider.
Das fremde Kind Die Moral des Märchens

Die Geschichte von "Das fremde Kind" lehrt uns, dass Magie und Wunder überall um uns herum sind, wenn wir nur mit offenem Herzen und wachen Augen durch die Welt gehen. Felix und Christlieb lernten, dass wahre Freundschaft und die Freude am Entdecken wichtiger sind als Angst und Zweifel. Es zeigt uns auch, dass wir mutig sein und an das Gute glauben sollten, auch wenn andere uns etwas anderes sagen. So können wir die Welt zu einem magischeren Ort machen.

Noch mehr Geschichten für heute Abend

Diese Geschichte ist eine von 75 kostenlosen Gute-Nacht-Geschichten auf emhema.de – alle zum Vorlesen und als PDF zum Ausdrucken.