Das Märchen vom Schlaraffenland

Das Märchen vom Schlaraffenland

Zusammenfassung: „Das Märchen vom Schlaraffenland" in drei Sätzen:

In Hans' Dorf ist der Winter lang und die Suppe dünn, und weil er zu viele Geschichten vom Schlaraffenland gehört hat, macht er sich eines Morgens auf den Weg dorthin.

Wer hinein will, muss sich durch einen riesigen Berg aus Reisbrei essen – dahinter liegt ein Land, in dem die Häuser aus Pfefferkuchen sind, die Bäche Milch führen und niemand einen Finger krumm machen muss.

Nach vielen glücklichen Jahren bekommt Hans vom König einen Korb, der nie leer wird, isst sich wieder durch den Berg hinaus und stellt den Korb zu Hause mitten ins Dorf.

Das Märchen vom Schlaraffenland – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 11 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab 4 Jahren, zum Selberlesen ab etwa 7
  • Herkunft: Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen (KHM 158)
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung
Es war einmal ein Dorf, in dem der Winter lang war und die Suppe dünn. Die Häuser standen ein bisschen schief, der Rauch aus den Schornsteinen roch nach nassem Holz, und wenn abends der Topf auf den Tisch kam, schaute jeder erst einmal, wie viel für die anderen übrig blieb.

In einem dieser Häuser wohnte Hans. Er war weder besonders klug noch besonders stark, aber zuhören konnte er wie kein Zweiter. Und am liebsten hörte er die Geschichten, die die alten Leute am Ofen erzählten: Geschichten von einem Land, in dem gebratene Tauben durch die Luft fliegen und einem geradewegs in den Mund hinein, wenn man ihn nur weit genug aufmacht.

Schlaraffenland nannten sie es. Dort, sagten sie, wachsen die Kuchen auf den Feldern wie bei uns der Weizen. Dort führen die Bäche Milch, und die Zäune sind aus Bratwurst. Dort muss keiner arbeiten, und wer es trotzdem tut, macht sich unbeliebt.

„Und wo liegt das?", fragte Hans jedes Mal.

„Weit weg", sagten die Alten und lachten. „Hinter einem Berg aus Reisbrei. Da muss man sich hindurchessen, anders kommt man nicht hinein."

Eines Morgens im Februar war der Mehlsack leer. Hans nahm seinen alten Hut, steckte drei Brotkrusten ein und sagte: „Dann esse ich mich eben durch." Seine Mutter lachte. Und weinte auch ein bisschen. Und dann ging er los.
Das Märchen vom Schlaraffenland Hans wanderte durch dunkle Wälder und über hohe Berge, immer nach Süden – weil ihm jemand gesagt hatte, das Schlaraffenland liege im Süden, und weil man irgendwo anfangen muss.

Er fragte einen Fuhrmann. Der zuckte die Schultern. Er fragte einen Bettler. Der schickte ihn nach Westen. Er fragte eine Krähe, und die sagte gar nichts – aber sie flog voraus, und Hans ging hinterher.

Am neunten Tag stand er vor etwas, das er zuerst für einen Berg aus Schnee hielt. Er war aber nicht kalt. Und er roch nach Zimt. Hans nahm eine Handvoll und probierte.

Reisbrei. Warm, süß, und obendrauf eine Prise Zucker.

Da wusste Hans, dass er richtig war. Er suchte sich eine gute Stelle, setzte sich hin und fing an zu essen. Er aß den ganzen Vormittag. Er aß den ganzen Nachmittag. Als es dunkel wurde, hatte er eine Höhle in den Berg gegessen, in der er schlafen konnte.

Am zweiten Tag aß er weiter. Am dritten Tag wurde der Brei vor ihm heller, und dann noch heller. Und am Abend des dritten Tages brach er durch, purzelte den letzten Rest hinunter und landete auf einer Wiese, die nach Vanille roch.
Das Märchen vom Schlaraffenland Hans setzte sich auf und rieb sich die Augen.

Vor ihm lag eine Stadt, wie er noch keine gesehen hatte. Die Häuser waren aus Pfefferkuchen gebaut, die Dachziegel aus Schokolade, die Fensterscheiben aus Zuckerglas. Auf den Feldern ringsum wuchsen keine Ähren, sondern fertige Brote und Kuchen, und wer Hunger hatte, brach sich einfach eines ab.

Durch die Stadt lief ein Bach. Hans kniete sich hin und trank: Es war Milch, kühl und süß. Weiter unten wurde daraus Honig. Und in dem Bach schwammen Fische, die schon fertig gebacken waren – wenn man ans Ufer klopfte, hüpften sie von selbst heraus.

Die Leute im Schlaraffenland waren fröhlich und rund und hatten alle Zeit der Welt. Niemand hatte es eilig, niemand schimpfte, und wenn jemand mitten am Tag einschlief, deckte ihn ein anderer zu.

Die Kinder nahmen Hans sofort in ihre Mitte. Sie zeigten ihm, wie man mit einem Löffel an einer Schnur nach Pudding angelt, wie man auf einem Topfdeckel den Zuckerhügel hinunterrutscht und wie man sich unter die fliegenden Tauben legt und einfach den Mund aufmacht.

Hans lachte an diesem ersten Tag so viel, dass ihm am Abend die Backen wehtaten.
Das Märchen vom Schlaraffenland So blieb Hans. Aus Tagen wurden Wochen, aus Wochen Jahre, und Hans wurde ein Schlaraffenländer, wie er im Buche steht: Er stand spät auf, er half niemandem, und er ließ sich die Tauben in den Mund fliegen.

Aber eines Morgens wachte er auf und wusste nicht mehr, wie seine Mutter aussieht, wenn sie lacht.

Er versuchte, nicht daran zu denken. Er angelte Pudding. Er rutschte den Zuckerhügel hinunter. Er legte sich unter die Tauben. Es half nichts. Am Abend saß er am Milchbach und war zum ersten Mal im Schlaraffenland traurig.

Da ging er zum König. Der König des Schlaraffenlandes war ein alter, freundlicher Mann, der auf einem Thron aus Marzipan saß und König geworden war, weil er im ganzen Land am längsten geschlafen hatte.

„Ich möchte nach Hause", sagte Hans.

Der König nickte, als hätte er darauf gewartet. „Das sagen sie alle irgendwann", meinte er. „Und weißt du was? Es ist das einzig Vernünftige, was hier jemals gesagt wird."

Er ließ einen Korb bringen, einen ganz gewöhnlichen Weidenkorb mit einem Deckel. „Nimm den mit. Er wird nie leer. Aber merk dir eins: Was du herausnimmst, musst du teilen. Sonst hört er damit auf."

Hans versprach es.
Das Märchen vom Schlaraffenland Bevor Hans ging, führte ihn der König noch einmal durch sein Land, damit er auch wirklich alles gesehen hatte.
Sie kamen an einem Zaun vorbei, dessen Latten aus Bratwürsten waren. „Nimm dir eine“, sagte der König, „abends wächst sie wieder nach.“ Über ihnen flogen gebratene Tauben, und wer den Mund aufmachte, dem flogen sie hinein. Im Bach schwammen Fische, die schon fertig gebacken waren und von selbst ans Ufer hüpften.
„Und noch etwas musst du wissen“, sagte der König. „Bei uns ist alles andersherum. Wer am längsten schläft, verdient am meisten. Wer nie etwas tut, wird König. Und wer anfängt zu arbeiten, den setzen wir vor die Tür.“ Hans musste lachen. „Dann bin ich hier wohl der schlechteste Untertan“, sagte er, „denn ich habe gestern den Kindern beim Bauen geholfen.“
Zuletzt standen sie vor einem gewaltigen Berg aus Reisbrei. „Da musst du durch“, sagte der König. „Durch diesen Berg kommt man herein, und durch diesen Berg kommt man wieder hinaus. Es gibt keinen anderen Weg.“ Hans nahm den Löffel, den ihm der König reichte, und fing an zu essen.
Das Märchen vom Schlaraffenland Drei Wochen lang wanderte Hans nach Hause. Der Korb blieb voll, wie der König es versprochen hatte, und jeden Abend teilte Hans etwas davon mit den Leuten, bei denen er übernachtete.
Als er endlich sein Dorf sah, standen die Häuser noch genauso da wie früher, ein bisschen schief und ein bisschen grau. Aber der Rauch aus dem Schornstein seines Elternhauses roch besser als alle Pfefferkuchenmauern des Schlaraffenlandes.
Seine Mutter ließ den Löffel fallen, als er zur Tür hereinkam. Es wurde ein langer Abend, denn Hans hatte viel zu erzählen – von der Milchstraße, vom Wurstzaun, von den Tauben und vom Reisbrei-Berg. Und jedes Mal, wenn er von den Tauben erzählte, machten die Kinder im Dorf den Mund auf und warteten.
Den Korb stellte Hans mitten ins Dorf, damit alle etwas davon hatten. Und wenn ihn jemand fragte, ob er nicht zurückwolle ins Schlaraffenland, dann sagte er: „Schön war es. Aber wisst ihr, was das Beste am Schlaraffenland ist? Dass man davon erzählen kann.“

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Hinweis: Das Schlaraffenland ist ein sehr alter Erzählstoff. Er wurde schon im Mittelalter erzählt, 1530 von Hans Sachs in Versen aufgeschrieben und 1857 von den Brüdern Grimm als kurzes Lügenmärchen aufgenommen (KHM 158). Diese Fassung ist eine freie, modernisierte Nacherzählung für Kinder und folgt keiner einzelnen Vorlage wörtlich.
Das Märchen vom Schlaraffenland Die Moral von „Das Märchen vom Schlaraffenland"

Das Schlaraffenland ist der älteste Kinderwunsch, den es gibt: alles umsonst, nichts zu tun, und der Nachtisch zuerst. Die alten Erzähler haben diesen Wunsch nicht verboten – sie haben ihn zu Ende gedacht. Und am Ende sitzt Hans satt am Milchbach und weiß nicht mehr, wie seine Mutter lacht.

Deshalb ist der Berg aus Reisbrei der beste Einfall der ganzen Geschichte: Selbst ins Schlaraffenland kommt man nur, wenn man sich hindurchbeißt. Und wieder heraus genauso.

Und was Hans mitbringt, ist kein Schatz, sondern ein Korb, der nur voll bleibt, solange er teilt. Das ist ungefähr das Gegenteil vom Schlaraffenland – und genau deshalb funktioniert es zu Hause.

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