Klein Zaches genannt Zinnober

Klein Zaches genannt Zinnober

Zusammenfassung: „Klein Zaches genannt Zinnober" in drei Sätzen

Eine Fee hat Mitleid mit dem winzigen, verwachsenen Klein Zaches und kämmt ihm drei feuerrote Zauberhaare ins Haar – von da an schreiben alle Leute ihm zu, was andere Kluges und Schönes tun.

Der Student Balthasar verliert dadurch sein Gedicht, seinen Beifall und beinahe seine Candida an den kleinen Zinnober, der es sogar bis zum Minister bringt.

Erst als Balthasar die drei Haare ausreißt und verbrennt, sehen alle wieder klar – und Zaches darf endlich einfach das Kind seiner Mutter sein.

Klein Zaches genannt Zinnober – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 10 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab 4 Jahren, zum Selberlesen ab etwa 7
  • Herkunft: E. T. A. Hoffmann, 1819
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung
Es war einmal ein kleines Fürstentum, in dem alles seine Ordnung hatte. An einem heißen Sommertag saß dort am Wegrand eine arme Bauersfrau namens Liese und ruhte sich aus. Neben ihr im Gras lag ihr Kind. Es war ein winziges, verwachsenes Ding mit einem viel zu großen Kopf und struppigem Haar, kaum größer als ein Kohlkopf. Sprechen konnte es nicht, nur fauchen und murren. Die Leute im Dorf nannten es Klein Zaches, und keiner von ihnen mochte es besonders.

Da kam eine vornehme Dame den Weg entlang, Fräulein von Rosenschön aus dem Stift. In Wahrheit war sie eine Fee, aber davon wusste in diesem aufgeklärten Fürstentum niemand mehr etwas. Sie sah das schlafende Kind, und es tat ihr leid. Sie nahm einen goldenen Kamm aus der Tasche und kämmte dem Kleinen ganz behutsam das verfilzte Haar. Dabei strich sie ihm drei feine, feuerrot leuchtende Haare mitten auf dem Kopf glatt und kämmte sie so geschickt in die Locken hinein, dass sie kein Mensch mehr sehen konnte.

„So", sagte sie leise. „Nun wird die Welt dich endlich freundlich ansehen." Dann ging sie weiter und ahnte nicht, was für ein Unheil sie damit angerichtet hatte.
Klein Zaches genannt Zinnober Denn der Zauber der drei Haare war ein besonderer. Von nun an geschah Folgendes: Wenn irgendwo in der Nähe von Klein Zaches jemand etwas Kluges sagte, etwas Schönes spielte oder etwas Gutes tat, dann waren alle überzeugt, Klein Zaches habe es getan. Und wenn Klein Zaches selbst etwas Dummes anstellte, schoben es alle auf einen anderen.

In der Stadt lebte ein Student namens Balthasar. Er schrieb Gedichte, wanderte gern durch den Wald und war in Candida verliebt, die Tochter von Professor Mosch Terpin. Eines Abends las Balthasar in Terpins Haus sein neuestes Gedicht vor. Er las gut, mit warmer Stimme, und als der letzte Vers verklungen war, brach großer Beifall los.

Nur klatschte niemand ihm zu. Alle drängten sich um ein winziges Männchen im goldbestickten Rock, das auf einem Stuhl in der Ecke saß und die Beinchen baumeln ließ. „Welch ein Dichter!", riefen sie. „Herr Zinnober, Sie sind ein Genie!" Denn so nannten sie Klein Zaches jetzt: Zinnober.

Balthasar stand da, sein Blatt Papier noch in der Hand, und begriff die Welt nicht mehr.
Klein Zaches genannt Zinnober Es wurde immer schlimmer. Ein berühmter Geiger gab ein Konzert und spielte so schön, dass die Zuhörer die Augen schlossen. Als der letzte Ton verklungen war, hob man Zinnober auf die Schultern. Balthasars Freund Fabian rief laut, das sei doch Unsinn – und wurde dafür ausgelacht. Auf dem Heimweg merkte Fabian, dass die Ärmel seines Rocks immer kürzer wurden, bis sie ihm an den Ellenbogen endeten, und alle zeigten mit dem Finger auf ihn.

Zinnober aber stieg und stieg. Der Fürst machte ihn zum Minister und hängte ihm den Orden des grün gefleckten Tigers um, mit zwanzig Knöpfen. Der Hofschneider verzweifelte beinahe, denn auf Zinnobers winzigem Brüstchen war für zwanzig Knöpfe gar kein Platz.

Und Candida, die Balthasar so gern gehabt hatte, sah nur noch Zinnober an und lächelte ihn an, als wäre er der schönste Mensch der Welt.

Da wurde Balthasar so traurig, dass er in den Wald hinauslief, sich unter einen Baum setzte und nicht mehr wusste, was er tun sollte.
Klein Zaches genannt Zinnober Dort fand ihn ein alter Herr, der in einem Häuschen am Waldrand wohnte und sich Doktor Prosper Alpanus nannte. Auch er war in Wahrheit ein Zauberer, aber auch das wusste niemand.

Er führte Balthasar in sein Zimmer, stellte eine glatte, glänzende Schale voll Wasser auf den Tisch und sagte: „Sieh hinein." Balthasar sah hinein – und im Wasser stand kein gefeierter Minister. Da zappelte ein winziges Wesen mit einem viel zu großen Kopf und ruderte mit den Ärmchen, während ringsherum die Leute klatschten und riefen.

„Er kann nichts dafür", sagte Prosper Alpanus. „Auf seinem Kopf wachsen drei feuerrote Haare. Solange sie dort sitzen, gehört ihm alles, was andere Gutes tun. Reiß sie heraus und wirf sie ins Feuer, dann ist der Spuk vorbei. Aber du musst schnell sein – sind sie erst einmal draußen, kann sie kein Mensch wieder einsetzen."

Balthasar bedankte sich, lief zurück in die Stadt und holte Fabian. Am nächsten Abend war im Haus des Professors ein großes Fest: Zinnober und Candida sollten Verlobung feiern.
Klein Zaches genannt Zinnober Die Kerzen brannten, die Gläser klangen, und mitten im Saal stand Zinnober auf einem Schemel, damit man ihn überhaupt sehen konnte. Balthasar und Fabian drängten sich zwischen den Gästen hindurch. Fabian packte den Kleinen von hinten, Balthasar fuhr ihm mit beiden Händen in die Locken – und riss die drei feuerroten Haare heraus.

Es zischte, als hätte jemand Wasser auf eine heiße Herdplatte gegossen. Balthasar warf die Haare in den Kamin, wo sie mit einem kleinen blauen Blitz verbrannten.

Im selben Augenblick wurde es still im Saal. Die Gäste sahen sich um, sahen einander an und sahen dann auf den Schemel. Dort stand kein bewunderter Minister mehr. Dort stand ein winziges, erschrockenes Männchen in einem viel zu großen Rock mit zwanzig Knöpfen.

„Wer ist denn das?", fragte jemand. Und dann lachte die ganze Gesellschaft. Zinnober sprang vom Schemel, huschte zwischen den Beinen der Gäste hindurch und war zur Tür hinaus.
Klein Zaches genannt Zinnober Er lief und lief, bis die Häuser hinter ihm klein wurden. Am Wegrand aber saß seine Mutter Liese, die ihn schon lange gesucht hatte. Sie hob ihn auf den Arm und trug ihn nach Hause, und zum ersten Mal seit langer Zeit war er nicht Minister und nicht Genie, sondern einfach nur ihr Kind.

Fräulein von Rosenschön hörte davon und kam noch einmal vorbei. Zaubern wollte sie nicht mehr, das hatte sie gelernt. Stattdessen schenkte sie der Mutter einen Sack Zwiebeln, die so süß und so golden waren, dass sie auf jedem Markt sofort verkauft waren. Von da an mussten die beiden nicht mehr hungern.

Balthasar aber bekam sein Gedicht zurück, seinen Beifall – und Candida dazu. Sie heirateten im Sommer, und Doktor Prosper Alpanus schenkte ihnen ein Häuschen, in dem der Kohl auch ohne Gießen wuchs und die Suppe von selbst nicht anbrannte. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann wohnen sie noch heute darin.

Hinweis: Diese moderne Variante des Märchens „Klein Zaches genannt Zinnober" basiert auf der Erzählung von E. T. A. Hoffmann aus dem Jahr 1819. Sie wurde durch uns modernisiert, orientiert sich aber inhaltlich am Original und spiegelt in Teilen nicht die Wertvorstellungen des 21. Jahrhunderts wider.
Klein Zaches genannt Zinnober Moral des Märchens

Die Geschichte von Klein Zaches, auch Zinnober genannt, lehrt uns, dass echte Anerkennung und Bewunderung durch eigene Anstrengungen und wahre Taten verdient werden müssen, nicht durch Tricks oder Zauberei. Es zeigt uns auch, wie wichtig es ist, ehrlich und mutig zu sein, um die Wahrheit aufzudecken, selbst wenn es schwierig ist. Am Ende lernen alle, dass wahre Talente und gute Taten von einem selbst kommen müssen und wie wertvoll Ehrlichkeit und Authentizität sind.

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