Der Schildknappe und der Drache im Nebel

Der Schildknappe und der Drache im Nebel

Zusammenfassung: „Der Schildknappe und der Drache im Nebel" in drei Sätzen

Der Schildknappe Til soll das entlaufene Pferd seines Ritters aus dem Nebelwald holen, in dem angeblich ein Ungeheuer haust.

Er findet dort tatsächlich einen Drachen — einen alten, halb blinden, der seit vierzig Jahren im Nebel sitzt, weil er den Weg nach draußen nicht mehr sieht.

Til holt das Pferd, und danach holt er noch etwas anderes: einen Sack Äpfel, und am nächsten Tag wieder.

Der Schildknappe und der Drache im Nebel – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 9 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab etwa 3 Jahren
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung

Hier beginnt die Geschichte

Til war zwölf und Schildknappe, was ungefähr bedeutet: Er putzte Rüstungen, trug Sachen und hörte zu, wenn Erwachsene erzählten, wie tapfer sie früher waren.

Ritter Grimwald, sein Ritter, war ein netter Mann mit einem lauten Lachen und einem sehr schlechten Gedächtnis für Türen und Tore.

An einem Freitag im Oktober ließ er das Stalltor offen, und das Pferd war weg.

„Sucht es", sagte Grimwald.

„Wo denn?"

Grimwald zeigte mit dem Daumen über die Schulter, in Richtung der Hügel, wo der Nebel stand.

„Da wird es wohl sein."

Dann schaute er weg, weil ihm etwas eingefallen war, das er dringend woanders tun musste.
Ritter Grimwald schickt den Schildknappen Til los Über den Nebelwald wusste im Dorf jeder Bescheid, und jeder wusste etwas anderes.

Der Bäcker sagte, dort lebe ein Ungeheuer, das jeden Herbst ein Schaf hole.

Die Wirtin sagte, es seien drei Ungeheuer.

Der alte Barnab, der am Brunnen saß, sagte, es sei ein Drache, und er habe ihn als Kind einmal brüllen gehört, und seitdem gehe er da nicht mehr hin.

„Wie groß war er?", fragte Til.

„Riesig", sagte Barnab.

„Habt Ihr ihn gesehen?"

Barnab dachte nach.

„Gehört", sagte er.

Til rechnete kurz nach. Barnab war ungefähr siebzig. Wenn er das Brüllen als Kind gehört hatte, dann war es also vor sechzig Jahren gewesen, und seitdem hatte niemand mehr etwas gehört.

Er sagte das nicht laut. Man widerspricht alten Männern am Brunnen nicht, das lernt ein Schildknappe schnell.

„Und die Schafe?", fragte er stattdessen. „Wem haben denn welche gefehlt?"

Der Bäcker überlegte. Die Wirtin überlegte.

„Dem Hof da hinten", sagte der Bäcker schließlich. „Glaube ich."

Til nahm ein Seil, einen Kanten Brot und den Apfel, den er eigentlich hatte essen wollen, und ging los.
Der alte Barnab erzählt am Brunnen vom Ungeheuer Der Nebel fing genau dort an, wo der Weg aufhörte.

Er war nicht grau, sondern weiß, und er machte alles leise. Til hörte seine eigenen Schritte und sonst fast nichts. Bäume tauchten aus dem Weiß auf und verschwanden wieder hinter ihm.

Er ging an einer umgestürzten Buche vorbei und an einem Stein, der aussah wie ein Brotlaib. Beides merkte er sich, weil man im Nebel nur zurückfindet, wenn man sich Dinge merkt.

Zweimal blieb er stehen und lauschte. Beim ersten Mal war da nichts. Beim zweiten Mal war da auch nichts, aber es fühlte sich anders an.

Nach einer halben Stunde hörte er ein Geräusch.

Es war ein tiefes, langes Geräusch, so ähnlich wie ein Schnarchen, aber größer.

Til blieb stehen. Sein Herz machte, was Herzen in solchen Momenten machen.

Er hätte umdrehen können. Er dachte auch ernsthaft darüber nach.

Stattdessen ging er weiter, weil das Pferd irgendwo da vorn sein musste und weil er sich vorstellte, wie er zu Grimwald zurückkommt und sagt: Ich habe da was gehört.

Nach zwanzig Schritten sah er eine Wand.

Die Wand bewegte sich.

Sie war grün, hatte Schuppen und atmete.
Til geht allein in den Nebelwald Til stand ganz still.

Der Drache hob den Kopf. Er war wirklich groß — größer als das Stallgebäude zu Hause. Sein Rücken war mit Moos bewachsen, und über seinen Augen lag ein milchiger Schleier.

Er schaute Til an, und dann schaute er ein Stück links neben Til.

„Wer ist da?", fragte der Drache.

Es war keine drohende Frage. Es war die Frage von jemandem, der schlecht sieht.

„Til", sagte Til.

„Bist du groß?"

„Mittel."

„Hm", sagte der Drache.

Neben ihm, an einem Baum, stand ein Pferd und rupfte Gras, vollkommen unbeeindruckt.

„Das ist unser Pferd", sagte Til.

„Ja", sagte der Drache. „Das kam gestern. Es ist sehr angenehme Gesellschaft. Es redet nicht."

„Redet Ihr denn viel?", fragte Til, bevor er darüber nachdenken konnte.

„Mit wem", sagte der Drache.

Darauf fiel Til nichts ein.

Til löste das Seil vom Gürtel.

„Ich muss es mitnehmen."

„Verstehe."

Der Drache legte den Kopf wieder auf die Vorderpfoten. Es war die Bewegung von jemandem, der so etwas schon oft gehört hat.
Til steht vor dem alten Drachen im Nebel Am nächsten Tag kam Til wieder. Mit einem Sack Äpfel.

Am Tag darauf auch.

Nach zwei Wochen kannte er den Weg so gut, dass er ihn im Nebel gehen konnte, ohne nachzudenken, und der Drache hörte ihn schon von weitem, weil Til beim Gehen immer ein bisschen mit den Füßen schlurfte.

„Du bist es", sagte der Drache dann, jedes Mal.

„Ich bin es", sagte Til.

Sie redeten über nichts Besonderes. Über das Wetter, das im Nebel sowieso immer gleich ist. Über Ritter Grimwald und die Türen. Einmal beschrieb Til dem Drachen, wie das Dorf von oben aussieht, und der Drache hörte zu, ohne etwas zu sagen, sehr lange.

Einmal fragte Til, ob der Drache denn nicht wegwolle. Ob er ihn nicht hinausführen solle, Schritt für Schritt, bis dahin, wo der Nebel aufhört.

Der Drache dachte wieder sehr lange nach.

„Und dann?", sagte er.

Til hatte keine Antwort darauf. Er merkte, dass vierzig Jahre eine sehr lange Zeit sind und dass man daraus nicht einfach herausgeführt wird wie ein Pferd aus einem Stall.

Er fragte danach nicht mehr. Er kam nur weiter.

Til erzählte im Dorf nichts. Er hatte das Gefühl, dass es dem Drachen so lieber wäre.

Nur einmal, im Winter, sagte er zu Barnab am Brunnen: „Der Drache holt keine Schafe."

Barnab schaute ihn an.

„Woher willst du das wissen?"

„Ich hab ihn gefragt."

Barnab sagte darauf nichts mehr, aber im Frühling saß er nicht mehr am Brunnen, sondern ein Stück weiter oben am Waldrand, wo man den Nebel sehen kann.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schlurft Til noch heute den Weg hinauf, damit ihn jemand kommen hört.
Til gibt dem Drachen einen Apfel Die Moral von „Der Schildknappe und der Drache im Nebel"

Drei Leute im Dorf wissen genau, was im Nebelwald lebt. Keiner von ihnen war je dort.

Til geht hin. Das ist alles, was er anders macht — und was er findet, ist kein Ungeheuer, sondern jemand, der schlecht sieht und seit vierzig Jahren nicht mehr wegkommt.

Kinder ab sechs merken an dieser Stelle, wie schnell aus einem Geräusch eine Geschichte wird, und wie wenig davon übrig bleibt, wenn man nachschaut. Und der Schluss zeigt, dass Til nicht einmal recht behalten will — er bringt einfach Äpfel.
Til bringt im Winter wieder Äpfel den Weg hinauf Til band das Pferd an und blieb dann trotzdem stehen.

„Warum wohnt Ihr hier?"

„Ich wohne nicht hier", sagte der Drache. „Ich sitze hier. Das ist ein Unterschied."

Er erklärte es. Als er jung war, hatte er noch gut gesehen. Dann wurde es langsam trüber, Jahr für Jahr, und irgendwann fand er den Weg aus dem Nebel nicht mehr. Fliegen konnte er, aber wer nicht sieht, wo er landet, fliegt nicht gern.

„Wie lange schon?"

„Vierzig Jahre, ungefähr."

Til dachte an Barnab am Brunnen, der als Kind ein Brüllen gehört hatte.

„Und die Schafe?"

„Was für Schafe?"

„Die Ihr angeblich holt."

Der Drache machte ein Geräusch, das vermutlich ein Lachen war und wie ein umfallender Schrank klang.

„Junge. Ich esse Pilze. Und was mir vor die Nase fällt."

„Und das Brüllen?", fragte Til. „Vor sechzig Jahren?"

Der Drache dachte lange nach. Bei einem Drachen sieht man das Nachdenken, weil sich dabei nichts bewegt.

„Da bin ich einmal gegen einen Baum geflogen", sagte er dann. „Das war unangenehm."

Til holte den Apfel aus der Tasche und legte ihn dem Drachen vor die Nase.

Der Drache roch daran. Dann war der Apfel weg.

„Oh", sagte er.

Weißt du noch?

Fünf Fragen zum Vorlesen – Karte antippen, dann steht die Antwort da.

  1. 1Warum muss Til in den Nebelwald?

    Ritter Grimwald hat an einem Freitag im Oktober das Stalltor offen gelassen, und das Pferd war weg. Er zeigt mit dem Daumen Richtung Hügel, wo der Nebel steht, sagt „Da wird es wohl sein“ und schaut dann weg.

  2. 2Was erzählen die Leute im Dorf über den Nebelwald?

    Der Bäcker sagt, dort lebe ein Ungeheuer, das jeden Herbst ein Schaf holt. Die Wirtin sagt, es seien drei Ungeheuer. Der alte Barnab sagt, es sei ein Drache — gehört habe er ihn als Kind, gesehen hat er ihn nie.

  3. 3Was findet Til hinter dem Geräusch, das klingt wie ein sehr großes Schnarchen?

    Eine Wand, die sich bewegt: grün, mit Schuppen, und sie atmet. Der Drache ist größer als das Stallgebäude zu Hause, sein Rücken ist mit Moos bewachsen, und über seinen Augen liegt ein milchiger Schleier.

  4. 4Warum sitzt der Drache seit vierzig Jahren im Nebel?

    Als er jung war, hatte er noch gut gesehen. Dann wurde es Jahr für Jahr trüber, und irgendwann fand er den Weg aus dem Nebel nicht mehr. Fliegen könnte er schon, aber wer nicht sieht, wo er landet, fliegt nicht gern.

  5. 5Was macht Til, nachdem er das Pferd zurückgebracht hat?

    Er kommt am nächsten Tag wieder, mit einem Sack Äpfel, und am Tag darauf auch. Nach zwei Wochen hört der Drache ihn schon von weitem, weil Til beim Gehen immer ein bisschen mit den Füßen schlurft.

Wörter aus der Geschichte

Schildknappe
ein Junge, der einem Ritter dient, seine Sachen trägt und dabei alles lernt
Kanten
das harte Endstück von einem Brot
Buche
ein großer Laubbaum mit glatter grauer Rinde
Schuppen
die harten kleinen Plättchen, die die Haut von Fischen und Drachen bedecken
Wirtin
die Frau, der das Gasthaus gehört, in dem man isst und übernachtet

Zum Weitererzählen

  • Drei Leute im Dorf wissen genau, was im Nebelwald lebt, und keiner von ihnen war je dort. Wie kommt so etwas?
  • Der Drache sagt: „Ich wohne nicht hier. Ich sitze hier.“ Was meint er damit?
  • Til fragt einmal, ob er den Drachen hinausführen soll, und danach nie wieder. Warum wohl?
  • Wenn du jemanden besuchen würdest, der ganz allein ist, was würdest du mitbringen?
Weil hier ein Drache vorkommt

Band 4 – Die Drachen von Quelinda

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Diese Geschichte vor dem Einschlafen vorlesen

Neun Minuten mit einer kurzen unheimlichen Stelle in der Mitte — dem Geräusch im Nebel — die sich sofort auflöst: Der Drache ist alt, freundlich und schlecht zu Fuß. Danach wird die Geschichte nur noch ruhiger.

Warum „Der Schildknappe und der Drache im Nebel" zum Einschlafen passt

Die unheimlichste Stelle ist das Geräusch im Nebel, ungefähr in der Mitte der Geschichte. Sie dauert zwei Absätze. Wer sein Kind kennt, kann vorher sagen, dass der Drache nett ist.

Das Ende ist absichtlich still: ein Junge mit einem Sack Äpfel auf einem Schneeweg. Ein guter Moment, um das Buch zuzumachen.

Wenn „Der Schildknappe und der Drache im Nebel" gefallen hat

Mehr davon unter Ritter- und Drachengeschichten und Mutgeschichten für Kinder.

Und wenn ein Buch daraus werden soll: In Band 4 von Ritter Emil & Zauberer Henry geht es um Drachen, die ganz anders sind, als alle behaupten.

Häufige Fragen zu Der Schildknappe und der Drache im Nebel

Worum geht es in „Der Schildknappe und der Drache im Nebel"?

Der zwölfjährige Til soll ein entlaufenes Pferd aus dem Nebelwald holen, in dem angeblich ein Ungeheuer haust. Er findet dort einen alten, fast blinden Drachen, der seit vierzig Jahren nicht mehr herausfindet.

Für welches Alter ist die Geschichte gedacht?

Ab etwa sechs Jahren.

Wie lange dauert das Vorlesen?

Rund neun Minuten.

Ist die Geschichte gruselig?

Es gibt eine kurze unheimliche Stelle im Nebel. Sie löst sich innerhalb weniger Sätze auf – der Drache ist freundlich und tut niemandem etwas.

Wird der Drache am Ende gerettet?

Nicht im großen Sinn. Til bringt ihm Äpfel und kommt wieder – das ist die ganze Rettung, und sie reicht.

Gibt es die Geschichte auch zum Anhören und als PDF?

Ja, beides steht unter der Geschichte, kostenlos und ohne Anmeldung.

Download als PDF

Morgen Abend weiterlesen? Ritter Emil und Zauberer Henry gibt es gedruckt – sechs Bände zum Vorlesen ab vier Jahren, alle sechs zusammen 79,00 € statt 90,00 €.

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