Der Drache, der Bücher sammelte

Der Drache, der Bücher sammelte

Zusammenfassung: „Der Drache, der Bücher sammelte" in drei Sätzen

Der Drache Fenimund hat in seiner Höhle kein Gold, sondern vierhundert Bücher — und kann kein einziges davon lesen.

Als das Mädchen Suse in die Höhle kommt, um ein gestohlenes Buch zurückzuholen, macht sie ihm ein Angebot.

Ein Jahr später liest Fenimund selbst, und Suse kommt trotzdem noch jeden Donnerstag.

Der Drache, der Bücher sammelte – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 10 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab etwa 3 Jahren
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung
Drachen sammeln Gold. Das weiß jedes Kind.

Fenimund sammelte Bücher.

Er hatte damit angefangen, weil ein Buch bei einem Überfall aus einer Kutsche gefallen war und ihm gefiel, wie es aussah. Es war rot, hatte goldene Buchstaben auf dem Rücken und roch gut.

Er nahm es mit.

Beim nächsten Mal nahm er zwei.

Nach vierzig Jahren lagen in seiner Höhle vierhundertzwölf Bücher, gestapelt bis unter die Decke, sortiert nach Farbe, weil Fenimund keine andere Sortierung kannte.

Er hatte nämlich nie lesen gelernt.
Fenimund liegt zwischen seinen vierhundert Büchern Das Mädchen Suse war elf und hatte ein Problem.

Aus der Bibliothek ihres Dorfes fehlte ein Buch. Nicht irgendeines: das Kräuterbuch, in dem stand, was man tun muss, wenn ein Schaf hustet oder ein Kind Fieber hat.

Die Bibliothekarin war ihre Großmutter, und das Buch war unter ihrer Aufsicht verschwunden.

„Ein Drache", sagte der Fuhrmann, der die Kiste transportiert hatte. „Grün. Ziemlich groß. Er hat nur die Bücher genommen, das Geld hat er liegen lassen."

Alle im Dorf sagten: Vergiss es.

Der Schmied sagte, ein Drache gebe nichts wieder her. Die Wirtin sagte, man gehe da nicht hin. Und Suses Großmutter sagte gar nichts, was das Schlimmste war, weil sie sonst immer etwas sagte.

Sie saß nur abends in der leeren Bibliothek und schaute auf die Lücke im Regal.

Eine Lücke in einem Regal sieht ungefähr so aus wie ein fehlender Zahn, und man schaut genauso oft hin.

Suse packte am nächsten Morgen Brot ein und ging los.
In der Dorfbibliothek fehlt das Kräuterbuch Die Höhle lag am Ende eines Tals, hinter einem Vorhang aus Efeu.

Drinnen war es trocken und erstaunlich ordentlich.

Und drinnen war Fenimund.

Er war groß, grün und lag zwischen seinen Bücherstapeln wie eine Katze zwischen Kissen. Als Suse hereinkam, hob er den Kopf.

„Du bist klein", sagte er.

„Ihr habt unser Kräuterbuch."

„Möglich."

„Es ist grün und ungefähr so dick." Suse zeigte es mit den Fingern.

Fenimund drehte sich um und schaute den grünen Stapel an. Der grüne Stapel bestand aus ungefähr sechzig Büchern.

„Welches davon?"

„Da steht es drauf", sagte Suse. „Auf dem Rücken."

Fenimund schaute den grünen Stapel an. Dann schaute er Suse an. Dann wieder den Stapel.

„Hol es dir", sagte er.

„Ich weiß doch nicht, welches es ist. Ihr müsst nachschauen, was draufsteht."

Es entstand eine Pause, die etwas zu lang war.

„Ach so", sagte Suse.
Suse betritt die Höhle hinter dem Efeuvorhang Sie sagte es nicht gemein. Sie sagte es so, wie man „ach so" sagt, wenn plötzlich etwas Sinn ergibt.

Fenimund schwieg. Ein schweigender Drache ist etwas sehr Großes.

„Warum sammelt Ihr Bücher, wenn Ihr sie nicht lesen könnt?", fragte Suse schließlich.

„Weil sie schön sind", sagte Fenimund. „Und weil in jedem etwas drin ist. Ich weiß nur nie, was."

Suse setzte sich auf einen Stein.

„Ich mache Euch einen Vorschlag."

„Ich lese Euch vor. Und Ihr helft mir suchen."

„Warum solltest du das tun?"

„Weil ich sonst sechzig Bücher aufschlagen muss", sagte Suse. „Und weil ich gern vorlese."

Beides stimmte.

Sie holte das erste Buch vom roten Stapel und schlug es auf.

Es war ein Buch über Schiffe.

Sie las eine Stunde lang vor. Fenimund lag da, ohne sich zu bewegen, und hörte zu, wie man zuhört, wenn man vierzig Jahre gewartet hat.

Am Ende der Stunde fanden sie das Kräuterbuch. Es lag im grünen Stapel, an achter Stelle.
Suse liest dem Drachen zum ersten Mal vor Im nächsten Herbst las Fenimund sein erstes Buch allein.

Es dauerte neun Tage und war ein sehr dünnes Buch, aber es zählte.

Es handelte von einem Esel, der einen Fluss überqueren muss. Fenimund fand es großartig. Er erzählte es später mindestens viermal weiter, jedes Mal ein bisschen länger.

Als Suse am Donnerstag kam, saß er vor der Höhle und wartete schon.

„Ich weiß jetzt, wie es ausgeht", sagte er.

„Und?"

„Sag ich nicht. Lies selbst."

Suse musste lachen.

„Neun Tage."

„Neun Tage", sagte Fenimund würdevoll. „Es sind auch viele Wörter drin."

Sie las es an diesem Nachmittag selbst und brauchte eine Dreiviertelstunde, und als sie fertig war, schaute Fenimund sie erwartungsvoll an, und dann redeten sie über den Esel und den Fluss, bis es dunkel wurde.

Sie kam trotzdem weiter jeden Donnerstag, auch als Fenimund längst schneller las als sie. Denn allein lesen und jemandem vorlesen sind zwei verschiedene Dinge, und das zweite hört nicht auf, schön zu sein, nur weil man das erste kann.

Einmal, im zweiten Frühling, kam Fenimund selbst ins Dorf. Er blieb am Ortsrand stehen, weil er nicht in die Gassen passte, und Suses Großmutter ging zu ihm hinaus, mit einem Stapel unter dem Arm.

Sie unterhielten sich eine halbe Stunde. Worüber, hat Suse nie erfahren.

Danach lagen in der Höhle zwei Bücher mehr, und in der Bibliothek achtzehn.

Das Kräuterbuch steht übrigens wieder in der Bibliothek.

Direkt daneben steht eine kleine Karte, auf der in sehr großen, sehr sorgfältigen Buchstaben steht: AUSGELIEHEN VON F.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann lesen sie noch heute donnerstags.
Fenimund lernt die Buchstaben im Sand Die Moral von „Der Drache, der Bücher sammelte"

Fenimund hat vierhundertzwölf Bücher und weiß von keinem, was drinsteht. Er ist nicht dumm — er hat es nur nie gelernt, und irgendwann war es zu peinlich, um zu fragen.

Suse fragt einfach nach. Und dann setzt sie sich hin und liest vor.

Für Kinder, die gerade selbst mit dem Lesen anfangen, steckt darin beides: dass es dauern darf, und dass Vorlesen nicht aufhört, wenn man es kann. Das letzte ist eher für die Erwachsenen im Zimmer.
Fenimund liest sein erstes Buch allein Suse nahm das Kräuterbuch mit nach Hause.

Am nächsten Donnerstag kam sie wieder.

Und am Donnerstag darauf auch.

Sie lasen sich durch den roten Stapel, dann durch den blauen. Fenimund lernte dabei, dass Bücher nicht nach Farbe sortiert gehören, nahm die Änderung aber sportlich.

Sie lasen ein Buch über Sterne, in dem eine Karte war, die man aufklappen konnte. Fenimund klappte sie ungefähr hundertmal auf und zu, sehr vorsichtig, weil er wusste, was seine Krallen anrichten können.

Sie lasen ein Buch über einen König, der zu viel redete. Manches war langweilig — es gab ein Buch über Steuern, bei dem beide einschliefen. Manches war so gut, dass Suse abends nicht aufhören wollte und Fenimund sie ein Stück nach Hause trug, was schneller ging als laufen.

Suses Großmutter fand die Sache mit den Donnerstagen erstaunlich in Ordnung. Sie sagte nur: „Frag ihn, ob er sie zurückgibt, wenn er durch ist." Suse fragte. Fenimund überlegte drei Wochen und sagte dann: „Die Hälfte."

Es war ein Anfang.

Im Winter fragte Fenimund: „Wie geht das eigentlich? Das Lesen."

Also fingen sie damit an.

Es dauerte lange. Ein Drache hat Krallen wie Sensen und kann nicht mit dem Finger auf einen Buchstaben zeigen. Suse schrieb die Buchstaben deshalb groß in den Sand vor der Höhle, und Fenimund lernte sie wie Sternbilder.

A war ein Zelt. O war ein Mond. S war ein Weg, der sich zweimal überlegt, wo er hinwill.

Manchmal ging es gut. Manchmal saß Fenimund eine ganze Stunde vor demselben Wort und wurde still, und Suse merkte, dass Stillwerden bei einem Drachen dasselbe ist wie bei einem Menschen, nur größer.

An solchen Tagen las sie einfach vor, und sie übten am Donnerstag darauf weiter.
Passend zu dieser Geschichte

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Diese Geschichte vor dem Einschlafen vorlesen

Zehn Minuten ohne Gefahr und ohne Bösewicht. Der einzige Konflikt ist ein fehlendes Buch, und der ist nach der Hälfte gelöst — der Rest der Geschichte ist ein Jahr voller Donnerstage.

Schwierige Wörter kurz erklärt

  • Bibliothek – ein Ort, an dem man Bücher ausleihen kann
  • Efeu – eine Kletterpflanze mit dunkelgrünen Blättern
  • Kräuterbuch – ein Buch darüber, welche Pflanzen bei welchen Beschwerden helfen
  • Fuhrmann – jemand, der früher Waren mit Pferd und Wagen transportierte
  • Sensen – große gebogene Klingen zum Mähen – hier ein Vergleich für die Krallen

Fragen zum Weitererzählen

  • Warum sammelt Fenimund Bücher, obwohl er nicht lesen kann?
  • Warum fragt er nie jemanden um Hilfe?
  • Suse kommt weiter jeden Donnerstag, obwohl Fenimund selbst lesen kann. Warum wohl?

Warum „Der Drache, der Bücher sammelte" zum Einschlafen passt

Es passiert in dieser Geschichte nichts Aufregendes. Sie eignet sich für Abende, an denen ruhig gelesen und nicht mitgefiebert werden soll.

Das Ende ist eine kleine Pointe – die Karte in der Bibliothek –, danach folgt nur noch ein Satz. Wer möchte, hört nach dem Satz auf und macht das Licht aus.

Wenn „Der Drache, der Bücher sammelte" gefallen hat

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Und wenn ein Buch daraus werden soll: Alle sechs Bände von Ritter Emil & Zauberer Henry sind zum Vorlesen gemacht – und zum Selberlesen, wenn es so weit ist.

Häufige Fragen zu Der Drache, der Bücher sammelte

Worum geht es in „Der Drache, der Bücher sammelte"?

Der Drache Fenimund sammelt seit vierzig Jahren Bücher und kann kein einziges lesen. Die elfjährige Suse kommt in seine Höhle, um ein gestohlenes Buch zurückzuholen – und bleibt.

Für welches Alter ist die Geschichte gedacht?

Ab etwa sechs Jahren.

Wie lange dauert das Vorlesen?

Rund zehn Minuten.

Ist der Drache gefährlich?

Nein. Er hat Bücher aus einer Kutsche genommen, sonst nichts – das Geld hat er liegen lassen.

Passt die Geschichte für Kinder, die gerade lesen lernen?

Ja, besonders gut. Fenimund braucht lange, und das ist in der Geschichte völlig in Ordnung.

Gibt es die Geschichte auch zum Anhören und als PDF?

Ja, beides steht unter der Geschichte, kostenlos und ohne Anmeldung.

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