Der Zug, der eine Minute wartete

Der Zug, der eine Minute wartete

Zusammenfassung: „Der Zug, der eine Minute wartete" in drei Sätzen

Der Regionalzug 4417 fährt seit vierzehn Jahren jeden Werktag um 6 Uhr 52 in Marlow ab, und zwar auf die Sekunde.

An einem Dienstag im November rennt eine Frau mit einem Kind über den Bahnsteig, und der Zug steht schon mit geschlossenen Türen.

Was der Lokführer dann macht, kostet ihn ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten und bringt ihm einen Brief ein, den er bis heute aufhebt.

Der Zug, der eine Minute wartete – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 8 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab etwa 3 Jahren
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung

Hier beginnt die Geschichte

Der Zug hieß nicht wirklich Zug. Er hieß RB 4417.

Aber der Lokführer nannte ihn Zug, so wie man einen Hund Hund nennt, wenn man ihn oft genug sieht.

Der Lokführer hieß Andrzej Kubiak, war einundfünfzig und fuhr diese Strecke seit vierzehn Jahren.

Marlow ab 6:52. Ellerbach 7:04. Wittenhorst 7:19. Und dann weiter bis in die Stadt, wo die Leute aussteigen und in Büros verschwinden.

Am Nachmittag dasselbe rückwärts.

Zwei Fahrten, jeden Werktag, seit vierzehn Jahren. Das sind ungefähr siebentausend Abfahrten in Marlow, und bei sechstausendneunhundertachtundneunzig davon war er auf die Sekunde pünktlich.

Kubiak war pünktlich. Das war keine Anstrengung für ihn, sondern eine Gewohnheit, so wie andere Leute geradeaus gehen.

In vierzehn Jahren war er zweimal zu spät losgefahren. Beide Male wegen einer Weiche.

Er kannte die Leute auf seiner Strecke, ohne mit ihnen zu reden. Den Mann mit dem Fahrrad, der in Ellerbach immer als Letzter einstieg. Die zwei Schwestern, die sich morgens stritten und abends nicht. Die Frau mit dem Hund, die nur dienstags fuhr.

Er hätte keinen von ihnen mit Namen nennen können. Aber wenn einer eine Woche lang fehlte, fiel es ihm auf.
Der RB 4417 steht um 6:51 in Marlow An einem Dienstag im November stand der Zug um 6:51 in Marlow.

Türen offen. Zwölf Leute eingestiegen. Alles normal.

Um 6:51 und vierzig Sekunden drückte Kubiak den Knopf, und die Türen fingen an, sich zu schließen.

Und in diesem Moment sah er im Seitenspiegel, wie am hinteren Ende des Bahnsteigs jemand angerannt kam.

Eine Frau. Mit einer Tasche über der Schulter, einem Rucksack in der Hand und einem Kind, das sie halb zog und halb trug.

Sie waren ungefähr sechzig Meter weg.

Sechzig Meter sind für eine Frau mit einem Kind und zwei Taschen ungefähr fünfundzwanzig Sekunden.

Kubiak hat das später einmal ausgerechnet, an einem langen Nachmittag, mit einem Zettel. Damals, im Moment selbst, hat er es natürlich nicht ausgerechnet. Er hat nur gesehen, dass es nicht reicht.

Die Türen waren geschlossen. Die Uhr sprang auf 6:52.

Zwischen dem Moment, in dem er sie sah, und dem Moment, in dem er sich entscheiden musste, lagen ungefähr zwei Sekunden.

Man denkt in zwei Sekunden nicht nach. Man merkt hinterher nur, was man getan hat.
Die Frau rennt mit dem Kind über den Bahnsteig Man muss dazu Folgendes wissen.

Ein Zug fährt nicht einfach so ab. Er fährt in ein System hinein, in dem hinter ihm ein anderer Zug kommt und vor ihm eine Strecke freigegeben ist, und wenn er zu spät ist, verschiebt sich das alles ein Stück.

Eine Minute ist nicht viel. Aber eine Minute ist auch nicht nichts.

Und es gibt eine Regel, und die Regel ist eindeutig: Türen zu, Abfahrt.

Kubiak schaute noch einmal in den Spiegel.

Die Frau lief nicht mehr schnell. Sie lief so, wie Leute laufen, die schon aufgegeben haben und trotzdem weiterlaufen.

Das Kind war vielleicht sechs.

Er dachte nicht an die Regel. Er dachte auch nicht an die Frau.

Er dachte, wenn er ehrlich ist, an gar nichts.

Kubiak drückte den Knopf, der die Türen wieder öffnet.
Kubiak drückt den Knopf, der die Türen wieder öffnet Die Türen gingen auf.

Im Zug schaute niemand hoch, weil im Zug um 6:52 niemand hochschaut.

Die Frau brauchte noch neunzehn Sekunden. Sie kam an, schob das Kind vor sich her in den Wagen, stieg selbst ein und blieb dann einfach stehen, mit den Händen auf den Knien, und bekam eine ganze Weile keine Luft.

Kubiak schloss die Türen und fuhr los.

Verspätung bei Abfahrt: eine Minute.

In Ellerbach hatte er dreißig Sekunden davon wieder aufgeholt. In Wittenhorst war er wieder pünktlich, weil zwischen Ellerbach und Wittenhorst ein Stück ist, auf dem man ein bisschen was rausholen kann, wenn man die Strecke kennt.

Am Ende des Tages stand in keinem System mehr, dass irgendetwas gewesen war.

Die Frau ist in Wittenhorst ausgestiegen. Sie hat sich nicht bedankt, weil sie nicht wusste, dass es etwas zu bedanken gab — von innen sieht ein Zug, der noch mal aufmacht, aus wie ein Zug, der eben noch aufmacht.
Die Frau steht im Wagen und bekommt keine Luft Im Januar bekam Kubiak einen Brief.

Er kam über die Firma und war weitergeleitet worden. Auf dem Umschlag stand seine Zugnummer, weil die Absenderin seinen Namen nicht kannte.

Der Brief war kurz.

Die Frau schrieb, dass sie an diesem Dienstag zu einem Termin gemusst habe, den man nicht verschieben kann, und dass der nächste Zug erst um 7:52 gefahren wäre.

Sie schrieb nicht, was für ein Termin.

Sie schrieb: Sie haben nicht gewusst, wofür Sie gewartet haben. Ich schreibe Ihnen trotzdem.

Und darunter: Mein Sohn erzählt jedem, dass der Zug auf uns gewartet hat. Er ist sechs. Er hält das für das Wichtigste, was ihm je passiert ist.

Kubiak hat den Brief nicht aufgehängt und ihn auch niemandem gezeigt.

Er liegt zu Hause in einer Schublade in der Küche, zusammen mit den Sachen, die man nicht wegwirft.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann fährt er noch heute um 6:52 in Marlow ab.
Das Gespräch mit Herrn Ruhnau Die Moral von „Der Zug, der eine Minute wartete"

Kubiak bricht eine Regel, und die Geschichte tut nicht so, als sei das folgenlos: Er wird einbestellt, und er kann seinen Vorgesetzten nicht überzeugen. „Das ist kein Grund." — „Ich weiß."

Er verteidigt sich nicht. Er hat es trotzdem getan.

Für Kinder ab sechs ist das interessanter als eine Geschichte, in der am Ende alle applaudieren: Manchmal macht man etwas, von dem man weiß, dass man es nicht darf, und muss dafür geradestehen.

Und der Brief kommt erst zwei Monate später — in echt weiß man meistens nie, wofür man gewartet hat.
Der Brief in der Küchenschublade Zwei Wochen später wurde er zu seinem Vorgesetzten bestellt.

Es gab eine automatische Auswertung, in der aufgefallen war, dass RB 4417 an einem Dienstag im November die Türen nach dem Schließvorgang noch einmal geöffnet hatte.

Der Vorgesetzte hieß Herr Ruhnau und war kein unfreundlicher Mensch.

„Warum?"

„Da kam jemand gerannt."

„Das ist kein Grund."

„Ich weiß."

Herr Ruhnau schaute auf sein Blatt.

„Es gibt eine Regel."

„Ich kenne die Regel", sagte Kubiak. „Ich fahre sie seit vierzehn Jahren."

Es entstand eine Pause.

Kubiak nickte.

Er hätte an dieser Stelle etwas sagen können. Dass eine Minute wieder aufgeholt war. Dass in keinem System etwas stand. Dass es um ein Kind ging.

Er sagte nichts davon, weil das alles zwar stimmte, aber nichts davon ein Grund war, und beide im Raum das wussten.

„Machen Sie das nicht zur Gewohnheit", sagte Herr Ruhnau schließlich.

Das war alles. Es kam nichts in die Akte.

Weißt du noch?

Fünf Fragen zum Vorlesen – Karte antippen, dann steht die Antwort da.

  1. 1Wie pünktlich ist der Lokführer Andrzej Kubiak, bevor an diesem Dienstag etwas passiert?

    Er fährt die Strecke seit vierzehn Jahren. Das sind ungefähr siebentausend Abfahrten in Marlow, und bei sechstausendneunhundertachtundneunzig davon war er auf die Sekunde pünktlich. Zweimal kam er zu spät los, beide Male wegen einer Weiche.

  2. 2Was sieht Kubiak im Seitenspiegel, als sich die Türen schon schließen?

    Am hinteren Ende des Bahnsteigs kommt eine Frau angerannt: eine Tasche über der Schulter, einen Rucksack in der Hand und ein Kind, das sie halb zieht und halb trägt. Sie sind noch ungefähr sechzig Meter weg — das reicht nicht.

  3. 3Was macht er, und was kostet das?

    Er drückt den Knopf, der die Türen wieder öffnet. Die Frau braucht noch neunzehn Sekunden, schiebt das Kind vor sich her in den Wagen und bekommt eine ganze Weile keine Luft. Die Verspätung bei Abfahrt: eine Minute — in Wittenhorst ist er längst wieder pünktlich.

  4. 4Wie läuft das Gespräch mit seinem Vorgesetzten, Herrn Ruhnau?

    Herr Ruhnau sagt: „Das ist kein Grund.“ Kubiak antwortet: „Ich weiß.“ Er verteidigt sich nicht, obwohl er einiges hätte sagen können. Am Ende sagt Herr Ruhnau nur: „Machen Sie das nicht zur Gewohnheit.“ In die Akte kommt nichts.

  5. 5Was steht in dem Brief, der im Januar ankommt?

    Die Frau schreibt, sie habe an diesem Dienstag zu einem Termin gemusst, den man nicht verschieben kann, und der nächste Zug wäre erst um 7:52 gefahren. Und darunter: Ihr Sohn ist sechs und erzählt jedem, dass der Zug auf sie gewartet hat.

Wörter aus der Geschichte

Lokführer
der Beruf von jemandem, der einen Zug fährt
Bahnsteig
der lange Weg neben den Gleisen, auf dem man auf den Zug wartet
Weiche
eine bewegliche Stelle im Gleis, an der ein Zug auf ein anderes Gleis wechselt
Schließvorgang
das Zugehen der Zugtüren, von Anfang bis Ende
Verspätung
wenn etwas später kommt oder losfährt, als es sollte

Zum Weitererzählen

  • Die Frau hat sich nicht bedankt, weil sie gar nicht wusste, dass jemand für sie gewartet hat. Ist das schlimm?
  • Kubiak sagt Herrn Ruhnau nicht, dass es um ein Kind ging. Warum wohl nicht?
  • Eine Minute ist nicht viel, aber auch nicht nichts, heißt es in der Geschichte. Wofür würde sich eine Minute Warten lohnen?
  • Wenn du Lokführerin oder Lokführer wärst und jemand käme über den Bahnsteig gerannt — was würdest du machen?
Für Kinder, die wissen wollen, wie etwas funktioniert

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Diese Geschichte vor dem Einschlafen vorlesen

Acht Minuten ohne Gefahr. Die einzige unangenehme Szene ist ein sachliches Gespräch in einem Büro, und die Geschichte endet mit einem Brief in einer Küchenschublade.

Warum „Der Zug, der eine Minute wartete" zum Einschlafen passt

Die Geschichte spielt in der Erwachsenenwelt und eignet sich für Kinder, die anfangen, sich für Regeln und Ausnahmen zu interessieren. Sie liefert keine bequeme Auflösung: Kubiak bekommt keinen Applaus, sondern ein Gespräch.

Sie ist auch eine gute Gelegenheit, über eigene Regeln zu reden – welche gelten immer, und welche darf man in seltenen Fällen brechen?

Wenn „Der Zug, der eine Minute wartete" gefallen hat

Mehr davon unter Mutgeschichten für Kinder und Zehn-Minuten-Geschichten.

Und wenn ein Buch daraus werden soll: Ritter Emil & Zauberer Henry gibt es in sechs Bänden, alle zum Vorlesen gemacht.

Häufige Fragen zu Der Zug, der eine Minute wartete

Worum geht es in „Der Zug, der eine Minute wartete"?

Ein Lokführer öffnet die schon geschlossenen Türen noch einmal, weil eine Frau mit einem Kind über den Bahnsteig rennt. Zwei Wochen später muss er sich dafür erklären.

Für welches Alter ist die Geschichte gedacht?

Ab etwa sechs Jahren. Sie spielt ganz in der Erwachsenenwelt.

Wie lange dauert das Vorlesen?

Rund acht Minuten.

Bekommt der Lokführer Ärger?

Ein Gespräch mit seinem Vorgesetzten, mehr nicht. In die Akte kommt nichts.

Erfährt man, warum die Frau den Zug brauchte?

Nein. Sie schreibt es nicht, und das ist Absicht.

Gibt es die Geschichte auch zum Anhören und als PDF?

Ja, beides steht unter der Geschichte, kostenlos und ohne Anmeldung.

Download als PDF

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