Die Ritterin und das Turnier im Regen

Die Ritterin und das Turnier im Regen

Zusammenfassung: „Die Ritterin und das Turnier im Regen" in drei Sätzen

Ritterin Ida reitet zum großen Turnier von Wolkenstein, obwohl ihr Pferd Kastanie das älteste auf dem ganzen Platz ist.

Es regnet drei Tage lang, der Turnierplatz wird zu einem einzigen Schlammfeld, und plötzlich zählt nicht mehr, wer am schnellsten ist, sondern wer nicht umfällt.

Im letzten Durchgang steckt Ritter Baldur bis zu den Knien im Matsch fest — und Ida muss sich entscheiden, ob sie an ihm vorbeireitet oder anhält.

Die Ritterin und das Turnier im Regen – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 9 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab etwa 3 Jahren
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung

Hier beginnt die Geschichte

Es gibt Turniere, von denen erzählt man noch jahrelang, weil jemand gewonnen hat.

Und es gibt Turniere, von denen erzählt man noch jahrelang, weil es geregnet hat.

Das Turnier von Wolkenstein war von der zweiten Sorte.

Ritterin Ida von Hollerbach kam am Vorabend an. Sie ritt auf einer braunen Stute namens Kastanie, die achtzehn Jahre alt war, eine graue Nase hatte und beim Bergaufgehen schnaufte wie ein Blasebalg.

Auf dem Platz standen schon die Zelte der anderen. Vor dem größten stand ein Pferd, das aussah, als wäre es aus einem Bilderbuch entlaufen: schwarz, glänzend, mit einer Mähne wie frisch gekämmt.

„Das ist Donner", sagte ein Junge, der Wasser holte. „Der gehört Ritter Baldur. Der gewinnt jedes Jahr."

Ida schaute von Donner zu Kastanie. Kastanie schaute zurück und begann, an Idas Ärmel zu knabbern.

„Wir machen unser Bestes", sagte Ida.

In der Nacht fing es an zu regnen.
Ritterin Ida mit ihrer alten Stute Kastanie am Abend vor dem Turnier Am Morgen regnete es immer noch.

Es war kein Gewitterregen, der schnell wieder aufhört. Es war der graue, geduldige Regen, der sich Zeit lässt und der einem sagt: Ich bin heute den ganzen Tag hier.

Der Turnierplatz, der am Vortag noch eine schöne grüne Wiese gewesen war, sah aus wie ein umgerührter Kuchenteig. Die Zuschauer standen unter Umhängen und Decken und tranken heißen Apfelsaft, weil man sonst gar nichts machen konnte.

Der Turniermeister stapfte in die Mitte, blieb im Matsch stecken, zog den Fuß mit einem lauten Schmatzen wieder heraus und rief:

„Es wird geritten!"

Drei Aufgaben gab es. Das Ringstechen, bei dem man mit der Lanze einen kleinen Ring von einem Haken holen musste. Den Hindernisritt über Baumstämme und durch ein Wassertor. Und zum Schluss den Rundlauf, dreimal um den ganzen Platz.

Beim Ringstechen war Baldur großartig. Donner flog über den Platz, die Lanze traf, der Ring flog in die Luft, und die Zuschauer klatschten, so gut man mit nassen Händen klatschen kann.

Ida ritt als Sechste. Kastanie trabte gemütlich los, in dem Tempo, das sie seit Jahren für richtig hielt. Ida hob die Lanze, zielte, traf den Haken daneben und ritt ohne Ring wieder heraus.

Aus dem Publikum rief jemand etwas, das man bei dem Regen nicht verstand. Es klang aber nicht nett.

Baldur stand am Rand, hatte den Helm unter dem Arm und lachte.

„Schönes Pony", sagte er.

Kastanie drehte die Ohren in seine Richtung und trabte weiter, als hätte sie Wichtigeres zu tun.

„Macht nichts", sagte sie zu Kastanie. „Zwei Aufgaben sind noch übrig."

Kastanie schnaubte.
Der Turnierplatz von Wolkenstein versinkt im Regen Beim Hindernisritt wurde es interessant.

Denn Matsch ist eine merkwürdige Sache. Wer schnell hineinreitet, rutscht. Wer vorsichtig geht, kommt durch.

Ritter Fenn, der jüngste im Feld, ritt als Erster. Sein Pferd sprang gut über den ersten Baumstamm, landete im weichen Boden, rutschte weg — und Fenn saß plötzlich mit dem Hintern im Schlamm und schaute sehr überrascht.

Der Zweite kam bis zum Wassertor. Der Dritte auch nicht weiter.

Dann war Baldur dran. Donner sprang über die Stämme wie über nichts, aber vor dem Wassertor blieb er stehen, warf den Kopf hoch und wollte nicht. Baldur redete auf ihn ein. Donner wollte immer noch nicht. Am Ende gingen sie außen herum, was Punktabzug gab.

Und dann kam Kastanie.

Kastanie war achtzehn und hatte in ihrem Leben schon jeden Untergrund gesehen, den es gibt. Sie sprang nicht über die Baumstämme. Sie stieg darüber, ein Bein nach dem anderen, mit der Ruhe eines Pferdes, das nichts zu beweisen hat. Am Wassertor blieb sie kurz stehen, schnupperte, und ging hindurch, als wäre es eine Stalltür.

Ida kam als Einzige ohne Fehler durch.

Die Zuschauer unter ihren nassen Decken fingen an zu johlen. Zum ersten Mal an diesem Tag hatten sie einen Grund.
Kastanie geht ruhig durch das Wassertor Vor dem letzten Durchgang standen Ida und Baldur gleichauf.

Dreimal um den Platz. Wer zuerst durchs Tor kam, hatte gewonnen.

Der Turniermeister hob den Arm. Die Zuschauer zogen die Decken enger. Kastanie stellte die Ohren nach vorn.

Und dann ging es los.

Donner war schneller. Natürlich war er schneller. Nach der ersten Runde lag Baldur eine halbe Länge vorn, nach der zweiten fast eine ganze. Kastanie trabte hinterher, gleichmäßig, ohne sich aufzuregen, immer den gleichen Rhythmus.

Ida sah zu, wie der Abstand größer wurde, und tat nichts dagegen. Sie wusste, was Kastanie konnte und was nicht. Man kann ein altes Pferd nicht schneller machen, indem man es ärgert.

In der dritten Runde kam die Ecke am Zelt.

Dort war der Boden am tiefsten, weil den ganzen Tag alle dort langgeritten waren. Donner geriet in die Kuhle, rutschte mit den Hinterbeinen weg und ging in die Knie. Baldur rutschte vorn über den Hals ins Wasser.

Donner rappelte sich auf und trabte weiter, ohne Reiter.

Baldur blieb liegen. Seine Rüstung war schwer, der Matsch war tief, und ein Mensch in Rüstung, der im Schlamm liegt, ist ungefähr so beweglich wie ein umgekippter Käfer.

Ida kam um die Ecke.

Vor ihr lag das Tor, dreißig Schritte, offen und frei. Niemand zwischen ihr und dem Sieg.

Sie zog die Zügel an.
Ritter Baldur stürzt in der Matschkuhle Die Moral von „Die Ritterin und das Turnier im Regen"

Ida hält an. Das ist die ganze Geschichte, in zwei Worten.

Sie hält nicht an, weil sie eine gute Ritterin sein will oder weil jemand zuschaut. Sie hält an, weil da ein Mensch im Matsch liegt und nicht hochkommt. Danach ärgert sie sich nicht einmal richtig — sie sagt nur, morgen vielleicht.

Kinder ab sechs verstehen an dieser Stelle etwas, das man ihnen schlecht erklären kann: dass Gewinnen schön ist, aber nicht das Wichtigste, was an einem Tag passieren kann. Und dass das alte, langsame Pferd manchmal genau das richtige Pferd ist.
Ida zieht Baldur aus dem Schlamm Am Abend im Turnierzelt Kastanie blieb stehen, mitten im Matsch, und schaute Baldur an, als wollte sie sagen: Na, das sieht ja nicht gut aus.

Ida stieg ab. Ihre Stiefel versanken bis über die Knöchel.

„Gib mir den Arm."

„Ich brauche keine Hilfe", sagte Baldur, der es genau zweimal alleine versucht hatte.

„Doch", sagte Ida.

Sie zog. Baldur schob. Der Matsch machte ein Geräusch, das man hier nicht aufschreiben kann, und dann stand Baldur wieder, von oben bis unten braun, und in seinem Helm schwappte Wasser.

Inzwischen war Ritter Fenn, der ganz hinten gelegen hatte, an ihnen vorbeigetrabt und durchs Tor geritten.

Fenn hatte gewonnen. Er wusste selbst nicht so recht, wie.

Die Fürstin von Wolkenstein hängte ihm den Kranz um. Fenn wurde rot bis zu den Ohren und sagte dreimal danke.

Dann ging die Fürstin über den Platz zu Ida, die ihre Stiefel ausschüttete.

„Ihr hättet gewinnen können."

„Ja", sagte Ida.

„Ärgert Euch das?"

Ida dachte nach. Der Regen tropfte ihr vom Zopf in den Kragen.

„Morgen ärgert es mich vielleicht", sagte sie. „Heute nicht."

Die Fürstin nickte, als hätte sie genau diese Antwort erwartet, und ging weiter.

Am Abend saßen sie alle im großen Zelt: Fenn mit seinem Kranz, Baldur, der schon wieder erzählte, wie sein Pferd normalerweise reitet, und Ida, die ihre nassen Socken über die Stuhllehne gehängt hatte.

Draußen regnete es weiter.

Kastanie stand unter dem Vordach, kaute Heu und war achtzehn Jahre alt und vollkommen zufrieden.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann trocknen Idas Socken noch heute.

Weißt du noch?

Fünf Fragen zum Vorlesen – Karte antippen, dann steht die Antwort da.

  1. 1Auf welchem Pferd kommt Ritterin Ida nach Wolkenstein, und wie ist es im Vergleich zu Donner?

    Auf Kastanie, einer braunen Stute, achtzehn Jahre alt, mit grauer Nase, die beim Bergaufgehen schnauft wie ein Blasebalg. Vor dem größten Zelt steht Donner: schwarz, glänzend, mit einer Mähne wie frisch gekämmt. Er gehört Ritter Baldur, der jedes Jahr gewinnt.

  2. 2Was macht der Regen aus dem Turnierplatz?

    Aus der schönen grünen Wiese wird über Nacht etwas, das aussieht wie ein umgerührter Kuchenteig. Der Turniermeister stapft in die Mitte, bleibt im Matsch stecken, zieht den Fuß mit einem lauten Schmatzen wieder heraus und ruft: „Es wird geritten!“

  3. 3Warum kommt ausgerechnet Kastanie als Einzige fehlerfrei durch den Hindernisritt?

    Weil sie in achtzehn Jahren schon jeden Untergrund gesehen hat. Sie springt nicht über die Baumstämme, sondern steigt darüber, ein Bein nach dem anderen, mit der Ruhe eines Pferdes, das nichts zu beweisen hat. Am Wassertor bleibt sie kurz stehen, schnuppert und geht hindurch, als wäre es eine Stalltür.

  4. 4Was passiert im letzten Durchgang in der Ecke am Zelt?

    Dort ist der Boden am tiefsten, weil alle den ganzen Tag dort langgeritten sind. Donner gerät in die Kuhle, rutscht mit den Hinterbeinen weg und geht in die Knie, Baldur rutscht vorn über den Hals ins Wasser. Donner trabt ohne Reiter weiter — und Baldur bleibt liegen, weil ein Mensch in Rüstung im Schlamm ungefähr so beweglich ist wie ein umgekippter Käfer.

  5. 5Wie entscheidet sich Ida, und wer gewinnt am Ende?

    Vor ihr liegt das Tor, dreißig Schritte, offen und frei. Sie zieht die Zügel an, steigt ab und sagt: „Gib mir den Arm.“ Während sie zieht und Baldur schiebt, trabt Ritter Fenn an ihnen vorbei und durchs Tor. Fenn gewinnt und weiß selbst nicht so recht, wie.

Wörter aus der Geschichte

Ringstechen
eine Turnieraufgabe, bei der man im Reiten mit der Lanze einen kleinen Ring von einem Haken holt
Lanze
eine sehr lange Stange, die ein Ritter beim Reiten vor sich hält
Blasebalg
ein Gerät, das man auseinanderzieht und zusammendrückt, damit Luft ins Feuer pustet
Turniermeister
derjenige, der beim Turnier alles ansagt und auf die Regeln achtet
Rüstung
die schwere Kleidung aus Metall, die einen Ritter schützt

Zum Weitererzählen

  • Baldur ruft Ida „Schönes Pony“ hinterher. Warum sagt jemand so etwas, und was hättest du geantwortet?
  • Ida hält an, obwohl das Tor offen und frei vor ihr liegt. Hättest du auch angehalten?
  • Baldur sagt „Ich brauche keine Hilfe“, nachdem er es zweimal allein versucht hat. Warum fällt es manchmal so schwer, um Hilfe zu bitten?
  • Die Fürstin fragt, ob es Ida ärgert, und Ida sagt: „Morgen vielleicht. Heute nicht.“ Was wäre für dich schöner: gewinnen oder jemandem aufhelfen?
Weil hier ein Ritter vorkommt

Band 1 – Die magische Rüstung der Drachenfelsen

Wenn Ritter das Thema sind: In Band 1 findet Emil an den Drachenfelsen eine Rüstung, die sich nicht einfach anziehen lässt. Sein Bruder Henry löst das Rätsel dahinter. Der Einstieg in die Reihe.

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Diese Geschichte vor dem Einschlafen vorlesen

Neun Minuten mit viel Regen, viel Matsch und einem Ende, das im warmen Zelt spielt. Es gibt einen Sturz, aber niemand verletzt sich, und die letzte Szene ist bewusst ruhig — trockene Socken, Heu und ein zufriedenes altes Pferd.

Warum „Die Ritterin und das Turnier im Regen" zum Einschlafen passt

Der Sturz in der Matschkuhle ist die aufregendste Stelle. Es passiert niemandem etwas — das steht auch so im Text, gleich im nächsten Satz. Wer sein Kind kennt, kann es vorher kurz sagen.

Danach wird die Geschichte nur noch leiser. Das letzte Bild ist ein altes Pferd, das unter einem Vordach Heu kaut. Ein guter Punkt, um das Licht auszumachen.

Wenn „Die Ritterin und das Turnier im Regen" gefallen hat

Mehr davon unter Rittergeschichten für Kinder und Mutgeschichten für Kinder.

Und wenn ein Buch daraus werden soll: In Band 5 von Ritter Emil & Zauberer Henry geht es um ein Drachenrennen — auch dort gewinnt am Ende nicht der Schnellste.

Häufige Fragen zu Die Ritterin und das Turnier im Regen

Worum geht es in „Die Ritterin und das Turnier im Regen"?

Ritterin Ida reitet mit ihrer alten Stute Kastanie zum Turnier von Wolkenstein. Es regnet drei Tage, der Platz wird zum Schlammfeld — und im letzten Durchgang muss Ida sich zwischen dem Sieg und einem gestürzten Ritter entscheiden.

Für welches Alter ist die Geschichte gedacht?

Ab etwa sechs Jahren. Sie ist länger und hat mehr Figuren als unsere kurzen Geschichten.

Wie lange dauert das Vorlesen?

Rund neun Minuten.

Verletzt sich jemand?

Nein. Ritter Baldur stürzt in den Matsch und kommt in seiner Rüstung nicht allein hoch, mehr passiert nicht.

Gewinnt Ida das Turnier?

Nein. Gewinnen tut Ritter Fenn, der ganz hinten lag — und das ist genau der Punkt der Geschichte.

Gibt es die Geschichte auch zum Anhören und als PDF?

Ja, beides steht unter der Geschichte, kostenlos und ohne Anmeldung.

Download als PDF

Morgen Abend weiterlesen? Ritter Emil und Zauberer Henry gibt es gedruckt – sechs Bände zum Vorlesen ab vier Jahren, alle sechs zusammen 79,00 € statt 90,00 €.

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