Der Wal, der falsch abgebogen war

Der Wal, der falsch abgebogen war

Zusammenfassung: „Der Wal, der falsch abgebogen war" in drei Sätzen

Ein junger Buckelwal schwimmt statt aufs offene Meer in einen Fluss hinein und kommt achtzig Kilometer weit ins Land.

Süßwasser ist für einen Wal auf Dauer gefährlich, und niemand kann ihn zurückschieben, weil er sechs Tonnen wiegt.

Wie er wieder herauskommt, hat mit Booten, Geduld und einem sehr genauen Zeitplan zu tun.

Der Wal, der falsch abgebogen war – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 8 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab etwa 3 Jahren
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung

Hier beginnt die Geschichte

Buckelwale wandern.

Im Sommer fressen sie im kalten Wasser im Norden, im Winter ziehen sie in wärmere Meere, um Junge zu bekommen. Dabei legen sie mehrere tausend Kilometer zurück, jedes Jahr, auf ungefähr denselben Wegen.

Sie orientieren sich dabei an der Küstenlinie, am Magnetfeld und vermutlich an Dingen, die man noch nicht kennt.

Meistens klappt das.

Buckelwale sind dabei erstaunlich genau. Man hat einzelne Tiere über Jahre verfolgt — sie lassen sich an der Unterseite der Schwanzflosse erkennen, die bei jedem anders gemustert ist wie ein Fingerabdruck — und dabei festgestellt, dass sie Jahr für Jahr fast dieselbe Route nehmen, auf wenige Kilometer genau.

Über Tausende von Kilometern. Ohne Karte.

Im September bog einer falsch ab.

Er war jung — ungefähr zwei Jahre alt, gut zwölf Meter lang, sechs Tonnen — und er schwamm nicht an der Flussmündung vorbei, sondern hinein.
Ein junger Buckelwal im offenen Meer Zuerst fiel es niemandem auf.

Ein Fluss ist unten breit, und in den ersten Tagen war er noch im Brackwasser, also dort, wo Salz und Süßwasser sich mischen. Das ist für einen Wal kein Problem.

Am fünften Tag sah ihn ein Fährmann bei Kilometer vierzig und dachte, er habe sich getäuscht.

Am siebten stand er auf dem Foto einer Frau, die eigentlich Enten fotografieren wollte.

Am achten war er bei Kilometer achtzig, und da wurde es ernst.

Innerhalb von zwei Tagen standen an den Brücken Leute. Es kamen Fernsehteams, es kam ein Eisverkäufer, und es gab an einem Wochenende ein Verkehrsproblem in einem Ort, in dem es normalerweise keins gibt.

Das ist bei so etwas immer so, und es ist auch nicht schlimm — es macht die Arbeit nur schwieriger, weil man dann alles auch noch erklären muss.

Denn achtzig Kilometer flussaufwärts ist reines Süßwasser.
Der Wal achtzig Kilometer flussaufwärts Süßwasser tut einem Wal nicht sofort weh.

Es ist langsamer und deshalb heimtückisch.

Ein Wal hat eine Haut, die für Salzwasser gebaut ist. In Süßwasser weicht sie auf, es siedeln sich Pilze und Bakterien an, und nach ein paar Wochen entstehen Wunden.

Dazu kommt: Im Fluss gibt es nichts zu fressen, was für ihn passt. Ein Buckelwal frisst Krill und kleine Fische in großen Mengen, und beides ist dort nicht.

Er verlor also Gewicht, und seine Haut wurde schlechter, und beides zusammen bedeutete: Er hatte ungefähr vier Wochen.

Das ist nicht viel, wenn man bedenkt, dass allein die Anfahrt der Fachleute zwei Tage dauerte und dass jede Maßnahme genehmigt werden musste, weil ein Fluss vielen Leuten gleichzeitig gehört: der Schifffahrt, den Anliegern, dem Naturschutz und einer Behörde, die für Deiche zuständig ist.

Es gab in diesen vier Wochen mehr Telefonate als Bootsfahrten.

Dann kamen die Fachleute.

Es waren fünf, aus drei Ländern, und die erste Sache, die sie machten, war zwei Tage lang zuschauen. Das hat mehreren Leuten sehr missfallen, weil man von Fachleuten erwartet, dass sie sofort etwas tun.

Was sie in diesen zwei Tagen herausfanden, war die Grundlage für alles Weitere: wann er auftaucht, wie oft er atmet, welche Strecke er abschwimmt und wo genau er jedes Mal umdreht.
Die Leute am Ufer Sie probierten zuerst das Naheliegende, und das funktionierte nicht.

Man kann einen Wal nicht schieben. Sechs Tonnen lassen sich von keinem Boot bewegen, ohne dass das Tier verletzt wird.

Man kann ihn nicht locken, weil es nichts gibt, womit man einen Wal lockt.

Man kann ihn treiben, aber nur in die Richtung, in die er ohnehin schwimmt, und er schwamm im Kreis.

Das ist bei verirrten Walen typisch. Sie schwimmen nicht ziellos — sie suchen, und weil das Echo im engen Fluss von allen Seiten zurückkommt, finden sie den Ausgang nicht.

Ein Fluss klingt für einen Wal wie ein Raum ohne Tür.

Man muss sich das ungefähr so vorstellen, wie wenn man in einem sehr hallenden Schwimmbad die Augen zumacht und jemand ruft. Man hört den Ruf von überall.
Die Fachleute beobachten Es dauerte neun Tage.

Am ersten Tag schafften sie elf Kilometer. Am zweiten vier, weil er umdrehte. Am dritten wieder neun.

Zwischendurch gab es zwei Tage, an denen gar nichts ging und alle sehr müde und sehr schlecht gelaunt waren.

Am sechsten Tag gab es einen Rückschlag. Ein Segelboot fuhr trotz Sperrung in den abgesperrten Abschnitt, vermutlich ohne böse Absicht, und der Wal drehte um und schwamm sieben Kilometer zurück.

Der Bootsführer hat später gesagt, er habe die Sperrung nicht gekannt. Das kann sogar stimmen.

Am neunten Tag, bei Kilometer zwölf, änderte sich etwas.

Er hörte auf zu suchen und fing an zu schwimmen — geradeaus, zügig, ohne dass jemand hinter ihm klopfen musste.

Die Fachleute vermuten, dass er ab dort das Salz gerochen hat.

Er passierte die Mündung am Abend des neunten Tages.

Zwei Boote fuhren noch drei Stunden hinter ihm her, in großem Abstand, bis er in tieferes Wasser kam. Dann drehten sie ab.

Man hat ihn nie wiedergesehen, was gut ist: Buckelwale, die man wiedersieht, sind meistens die, denen es schlecht geht.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann schwimmt er noch heute irgendwo da draußen.
Boote mit Rohren hinter dem Wal Die Moral von „Der Wal, der falsch abgebogen war"

Das Erstaunliche an dieser Geschichte ist, was nicht funktioniert: schieben, locken, ziehen — also alles, woran man zuerst denkt.

Was funktioniert, ist unspektakulär und dauert neun Tage: hinter ihm Lärm, vor ihm Ruhe, und nur arbeiten, wenn die Strömung mithilft.

Für Kinder ab sechs steckt darin ein sehr brauchbarer Gedanke: Man kann jemandem helfen, ohne ihn zu bewegen. Man kann die Bedingungen so ändern, dass er sich selbst bewegt.

Und der Satz am Schluss gehört dazu — dass man ihn nie wiedergesehen hat, ist die gute Nachricht.
Abends an der Mündung Was funktionierte, war eine Kombination aus drei Sachen.

Erstens Geräusch. Man ließ eine Reihe von Booten hinter ihm fahren und dabei Rohre gegeneinanderschlagen, was unter Wasser sehr unangenehm klingt. Wale weichen davon aus, und zwar nach vorn.

Zweitens Stille. Vor ihm fuhr nichts. Kein Motor, keine Schifffahrt, nichts — die Behörde sperrte den Fluss auf sechzig Kilometern.

Drittens die Tide.

Auch achtzig Kilometer flussaufwärts wirkt die Gezeitenströmung noch. Bei ablaufendem Wasser fließt der Fluss schneller Richtung Meer.

Also fuhren sie nur bei Ebbe.

Sechs Stunden Arbeit, sechs Stunden Pause, sechs Stunden Arbeit.

Weißt du noch?

Fünf Fragen zum Vorlesen – Karte antippen, dann steht die Antwort da.

  1. 1Wie kommt der junge Buckelwal überhaupt achtzig Kilometer weit ins Land?

    Im September schwimmt er nicht an der Flussmündung vorbei, sondern hinein. Zuerst fällt es niemandem auf, weil ein Fluss unten breit ist und er in den ersten Tagen noch im Brackwasser schwimmt. Am achten Tag ist er bei Kilometer achtzig, und da wird es ernst.

  2. 2Warum ist Süßwasser für einen Wal gefährlich, obwohl es ihm nicht sofort wehtut?

    Seine Haut ist für Salzwasser gebaut. Im Fluss weicht sie auf, Pilze und Bakterien siedeln sich an, und nach ein paar Wochen entstehen Wunden. Dazu gibt es dort nichts für ihn zu fressen, denn ein Buckelwal frisst Krill und kleine Fische.

  3. 3Warum findet der Wal den Weg zurück ins Meer nicht von allein?

    Weil sein Echo im engen Fluss von allen Seiten zurückkommt. Er schwimmt nicht ziellos, er sucht — und dreht immer wieder um. „Ein Fluss klingt für einen Wal wie ein Raum ohne Tür.“

  4. 4Aus welchen drei Sachen besteht der Plan, der am Ende funktioniert?

    Erstens Geräusch: Hinter ihm fahren Boote und schlagen Rohre gegeneinander, was unter Wasser sehr unangenehm klingt. Zweitens Stille: Vor ihm wird der Fluss auf sechzig Kilometern gesperrt. Und drittens die Tide — gearbeitet wird nur bei Ebbe, wenn das Wasser Richtung Meer läuft.

  5. 5Was ändert sich am neunten Tag bei Kilometer zwölf?

    Er hört auf zu suchen und fängt an zu schwimmen, geradeaus und zügig, ohne dass jemand hinter ihm klopfen muss. Die Fachleute vermuten, dass er ab dort das Salz gerochen hat. Am Abend passiert er die Mündung.

Wörter aus der Geschichte

Buckelwal
ein sehr großer Wal, der jedes Jahr weite Strecken durch die Meere wandert
Brackwasser
eine Mischung aus Salzwasser und Süßwasser, wie unten in einem Fluss
Krill
winzige Meerestierchen, von denen Wale riesige Mengen fressen
Tide
das regelmäßige Steigen und Fallen des Meerwassers
Fährmann
jemand, der ein Boot fährt, das Leute über das Wasser bringt

Zum Weitererzählen

  • Der Wal wird nicht geschoben und nicht gelockt — die Leute ändern nur alles um ihn herum. Kennst du noch etwas, wo man so hilft?
  • Zwei Tage lang haben die Fachleute erst einmal nur zugeschaut, und viele Leute fanden das falsch. Was meinst du dazu?
  • Man hat den Wal nie wiedergesehen, und das ist die gute Nachricht. Warum eigentlich?
  • Wenn du dich irgendwo verlaufen hättest — was würde dir mehr helfen: dass jemand dich zieht oder dass jemand ganz still den Weg frei macht?
Wenn es heute ums Wasser ging

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Diese Geschichte vor dem Einschlafen vorlesen

Acht Minuten mit einem Tier in Not, dem geholfen wird. Der Wal überlebt, und das steht schon vor dem Ende fest — das Ende selbst ist ruhig und offen.

Warum „Der Wal, der falsch abgebogen war" zum Einschlafen passt

Die Geschichte beruht auf realen Rettungsaktionen dieser Art, die es mehrfach gegeben hat — auch in Deutschland. Der Ablauf mit Lärm hinten, Ruhe vorn und Arbeit nur bei ablaufendem Wasser entspricht dem tatsächlichen Vorgehen.

Sie ist stellenweise ernst, aber nie bedrohlich. Wenn Ihr Kind mitfiebert, hilft es, vorher zu sagen, dass es gut ausgeht.

Wenn „Der Wal, der falsch abgebogen war" gefallen hat

Mehr davon unter Meergeschichten für Kinder und Tiergeschichten.

Und wenn ein Buch daraus werden soll: In Band 6 von Ritter Emil & Zauberer Henry geht es aufs Meer.

Häufige Fragen zu Der Wal, der falsch abgebogen war

Worum geht es in „Der Wal, der falsch abgebogen war"?

Ein junger Buckelwal schwimmt achtzig Kilometer einen Fluss hinauf. Süßwasser wird für ihn mit der Zeit gefährlich – und schieben lässt er sich nicht.

Für welches Alter ist die Geschichte gedacht?

Ab etwa sechs Jahren.

Wie lange dauert das Vorlesen?

Rund acht Minuten.

Überlebt der Wal?

Ja. Nach neun Tagen erreicht er die Mündung und schwimmt aufs offene Meer hinaus.

Ist so etwas schon vorgekommen?

Ja, mehrfach – auch in Europa. Der beschriebene Ablauf entspricht dem tatsächlichen Vorgehen bei solchen Rettungen.

Gibt es die Geschichte auch zum Anhören und als PDF?

Ja, beides steht unter der Geschichte, kostenlos und ohne Anmeldung.

Download als PDF

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