Das Osterfeuer am Deich

Das Osterfeuer am Deich

Zusammenfassung: „Das Osterfeuer am Deich" in drei Sätzen

Seit einundvierzig Jahren macht das Dorf Sielwarft am Ostersamstag ein Feuer auf dem Deich.

In diesem Jahr sagt die Feuerwehr ab, weil es sechs Wochen nicht geregnet hat.

Was das Dorf stattdessen macht, hat sich niemand vorher überlegt.

Das Osterfeuer am Deich – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 8 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab etwa 3 Jahren
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung

Hier beginnt die Geschichte

Ein Osterfeuer ist im Norden eine ernste Sache.

Man sammelt ab Februar Schnittgut — Äste, Strauchwerk, alte Weihnachtsbäume —, und der Haufen wächst bis Ostern auf die Größe eines kleinen Hauses.

In Sielwarft steht er auf der Deichkuppe hinter dem Sperrwerk, sichtbar von überall, und wenn er brennt, sieht man ihn auch von drüben, wo die anderen Dörfer ihre Feuer machen.

Am Ostersamstagabend stehen dann alle da: die Alten mit Klappstühlen, die Kinder viel zu nah dran, die Jugendlichen ein Stück abseits.

Es gibt Bratwurst, es gibt Bier, und um zehn ist Schluss.

Das läuft seit einundvierzig Jahren so.

Es gibt Fotos von jedem einzelnen Jahr. Sie hängen im Vereinsheim, gerahmt, in zwei Reihen übereinander, und man kann daran ablesen, wie sich Frisuren und Jacken verändert haben und wie der Haufen mal größer und mal kleiner war.

Auf dem Foto von 1998 sieht man den Haufen bei strömendem Regen. Er hat trotzdem gebrannt, weil sie ihn drei Tage vorher abgedeckt hatten.
Der Haufen auf der Deichkuppe In diesem Jahr regnete es ab Mitte Februar nicht mehr.

Sechs Wochen. Ein trockener März mit Ostwind, und Ostwind trocknet noch mal anders als Sonne.

Am Gründonnerstag fuhr der Ortsbrandmeister zum Deich, ging um den Haufen herum, brach einen Zweig ab und knickte ihn.

Der Zweig knackte, statt zu biegen.

Er ging über die Deichkrone und schaute sich das Gras an, das eigentlich um diese Zeit grün ist.

Es war strohig.

Auf dem Rückweg zum Auto blieb er noch einmal stehen und schaute nach Osten, wo der Wind herkam, über die flache Marsch bis zum nächsten Dorf.

Wenn ein Deichgras bei Ostwind brennt, läuft das Feuer nicht in einer Linie. Es läuft in einem Fächer, und es läuft schneller, als ein Mensch geht.

Dann rief er den Bürgermeister an und sagte, das gehe dieses Jahr nicht.
Onno prüft das trockene Holz Es gab Ärger.

Nicht sofort — zuerst gab es Ungläubigkeit, dann Diskussion, dann Ärger.

Am Karfreitagmorgen standen im Feuerwehrhaus achtzehn Leute, was für Sielwarft eine große Versammlung ist.

Es wurden alle üblichen Sätze gesagt. Dass man das immer gemacht habe. Dass die Feuerwehr ja danebenstehe. Dass man ja aufpassen könne. Dass früher niemand so ein Theater gemacht habe.

Der Ortsbrandmeister hieß Onno und war seit neunzehn Jahren im Amt.

Er ließ alle ausreden. Dann sagte er:

„Wenn das Gras Feuer fängt, läuft es bei dem Wind über den ganzen Deich. Und auf dem Deich steht die Hälfte von euch."

Es gab noch einen zweiten Satz, den er hinterherschob, und den fanden hinterher mehrere Leute wichtiger.

Er sagte: „Ich mach das seit neunzehn Jahren, und ich hab noch nie eins abgesagt."

Damit war klar, dass er es nicht leichtfertig machte.

Danach war es eine Weile still.

Dann sagte jemand: „Und was machen wir jetzt?"
Versammlung im Feuerwehrhaus Es war Antje, die die Idee hatte, und sie hatte sie ohne nachzudenken, was bei Ideen oft hilft.

Antje war siebzehn und arbeitete samstags im Getränkemarkt.

Sie sagte: „Dann machen wir hundert kleine."

Alle schauten sie an.

„Jeder Haushalt einen Eimer. Feuerschale, Grill, Blechwanne, egal. Vor die Tür, alle um acht anzünden. Von oben sieht das aus wie ein Feuer, das auseinandergefallen ist."

Der Ortsbrandmeister überlegte ungefähr zehn Sekunden.

Ein Feuer in einer Schale auf einem Hof ist etwas völlig anderes als ein Haufen von der Größe eines Hauses auf einem trockenen Deich. Das eine kann man mit einem Eimer Wasser löschen, das andere nicht.

„Das geht", sagte er. „Mit Wasser danebenstellen."

Dann ging alles sehr schnell, weil in einem Dorf Sachen sehr schnell gehen, wenn sie einmal beschlossen sind.

Der Getränkemarkt gab leere Fässer aus, die man halbieren kann. Zwei Landwirte fuhren mit dem Hänger herum und verteilten Brennholz von dem Haufen, der jetzt liegen blieb. Im Dorfchat, in dem sonst nur Kartoffeln und Fundsachen stehen, wurden innerhalb von vier Stunden zweiundsechzig Nachrichten geschrieben.

Der Bürgermeister schrieb eine offizielle Mitteilung, in der stand, das Osterfeuer falle aus. Er schrieb sie um sechzehn Uhr. Um sechzehn Uhr dreißig wusste es sowieso jeder, und zwar mit der Ergänzung, was stattdessen passiert.
Antje sagt: Dann machen wir hundert kleine Im Jahr darauf regnete es wieder normal.

Der Haufen auf der Deichkuppe war groß und feucht, das Gras war grün, und es sprach nichts dagegen.

Sie machten trotzdem beides.

Um acht die kleinen Feuer in den Höfen, für zwei Stunden. Um zehn ging das große auf dem Deich an, und alle gingen hinauf.

Das machen sie seitdem jedes Jahr.

Antje hat nie ein Amt bekommen und wollte auch keins. Sie hat später mal gesagt, sie habe an dem Morgen im Feuerwehrhaus nur etwas gesagt, damit die Diskussion aufhört.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann brennen in Sielwarft noch heute erst die kleinen und dann das große.
Siebenundachtzig Feuer im Dorf Die Moral von „Das Osterfeuer am Deich"

Onno sagt etwas ab, was seit einundvierzig Jahren stattfindet, und wird dafür angegangen. Er hat trotzdem recht, und sein Argument ist der einzige Satz, gegen den niemand etwas sagen kann: Auf dem Deich steht die Hälfte von euch.

Das Interessante passiert danach.

Der Ersatz, den sich eine Siebzehnjährige in fünf Sekunden ausdenkt, stellt sich als besser heraus als das, was ersetzt werden musste — und wird deshalb behalten, obwohl der Grund dafür längst weg ist.

Für Kinder ab sechs ist das eine gute Geschichte über Regeln: Manchmal muss etwas ausfallen, und manchmal ist das, was stattdessen entsteht, das Eigentliche.
Man geht von Feuer zu Feuer Am Samstagabend um acht brannten in Sielwarft siebenundachtzig Feuer.

In Feuerschalen, in alten Waschtrommeln, in einem Fall in einer umgedrehten Traktorfelge.

Es sah nicht aus wie ein Osterfeuer.

Es sah aus wie etwas, das es vorher nicht gegeben hatte: ein Dorf, in dem überall Licht war, in jedem Hof, in jeder Einfahrt, und dazwischen liefen Leute mit Tellern herum, weil jeder etwas gemacht hatte und niemand alles allein essen konnte.

Man ging von Feuer zu Feuer.

Das war der Unterschied, den vorher keiner geahnt hatte: Bei einem großen Feuer steht man einmal irgendwo und redet mit denen, die zufällig danebenstehen. Bei siebenundachtzig kleinen läuft man den ganzen Abend herum.

Um elf brannten noch vierzig.

Um eins noch sechs, und an einem davon saß Onno, der eigentlich Bereitschaft hatte und den ganzen Abend keine einzige Meldung bekommen hatte.

Weißt du noch?

Fünf Fragen zum Vorlesen – Karte antippen, dann steht die Antwort da.

  1. 1Wie entsteht in Sielwarft jedes Jahr der Haufen für das Osterfeuer?

    Ab Februar sammeln alle Schnittgut: Äste, Strauchwerk und alte Weihnachtsbäume. Bis Ostern wächst der Haufen auf die Größe eines kleinen Hauses und steht auf der Deichkuppe hinter dem Sperrwerk.

  2. 2Woran merkt der Ortsbrandmeister, dass es dieses Jahr zu trocken ist?

    Er bricht am Deich einen Zweig ab, und der knackt, statt zu biegen. Dann schaut er sich das Gras auf der Deichkrone an, das um diese Zeit eigentlich grün ist: Es ist strohig.

  3. 3Mit welchem Satz überzeugt Onno die Leute im Feuerwehrhaus?

    Er lässt erst alle ausreden und sagt dann: „Wenn das Gras Feuer fängt, läuft es bei dem Wind über den ganzen Deich. Und auf dem Deich steht die Hälfte von euch.“ Dagegen kann niemand etwas sagen.

  4. 4Welche Idee hat die siebzehnjährige Antje?

    Sie sagt: „Dann machen wir hundert kleine.“ Jeder Haushalt stellt ein Feuer vor die Tür, in einer Feuerschale, einem Grill oder einer Blechwanne, und alle zünden um acht an.

  5. 5Wie sieht der Ostersamstagabend dann aus?

    Um acht brennen im Dorf siebenundachtzig Feuer, eines davon in einer umgedrehten Traktorfelge. Überall ist Licht, in jedem Hof und jeder Einfahrt, und die Leute laufen mit Tellern von Feuer zu Feuer.

Wörter aus der Geschichte

Ortsbrandmeister
der Chef der Feuerwehr in einem Dorf
Sperrwerk
ein großes Tor im Wasser, das das Land vor dem Meer schützt
Schnittgut
die Äste und Zweige, die übrig bleiben, wenn man Büsche und Bäume schneidet
Deichkuppe
die oberste Stelle auf dem Deich, dem langen Erdwall am Wasser
Traktorfelge
der runde Metallring in der Mitte eines Traktorrads

Zum Weitererzählen

  • Warum sind die Leute zuerst wütend, als das Osterfeuer abgesagt wird?
  • Antje sagt später, sie habe nur etwas gesagt, damit die Diskussion aufhört. Kennst du das?
  • Im nächsten Jahr machen sie beides, die kleinen Feuer und das große. Warum wohl?
  • Wenn etwas ausfällt, auf das du dich gefreut hast: Was könntet ihr stattdessen machen?
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Diese Geschichte vor dem Einschlafen vorlesen

Acht Minuten ohne Gefahr — das Feuer, um das es geht, brennt ausdrücklich nicht. Es gibt eine Auseinandersetzung im Feuerwehrhaus, und danach wird die Geschichte immer wärmer.

Warum „Das Osterfeuer am Deich" zum Einschlafen passt

Die Geschichte spielt in der Gegenwart und eignet sich für Kinder, die schon Diskussionen unter Erwachsenen mitbekommen. Sie zeigt, dass man wütend sein kann und der andere trotzdem recht hat.

Es passiert nichts Gefährliches. Das große Feuer brennt in dieser Geschichte gar nicht, und die kleinen sind ausdrücklich mit Wasser daneben.

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Häufige Fragen zu Das Osterfeuer am Deich

Worum geht es in „Das Osterfeuer am Deich"?

Nach sechs Wochen ohne Regen sagt die Feuerwehr das seit einundvierzig Jahren übliche Osterfeuer ab. Eine Siebzehnjährige schlägt vor, stattdessen hundert kleine zu machen.

Für welches Alter ist die Geschichte gedacht?

Ab etwa sechs Jahren.

Wie lange dauert das Vorlesen?

Rund acht Minuten.

Passiert ein Brand?

Nein. Genau das wird verhindert – das große Feuer brennt in dieser Geschichte gar nicht.

Ist die Geschichte belehrend?

Sie erzählt eine Absage und einen Streit darüber, ohne jemanden vorzuführen. Die Wütenden werden nicht ausgelacht.

Gibt es die Geschichte auch zum Anhören und als PDF?

Ja, beides steht unter der Geschichte, kostenlos und ohne Anmeldung.

Download als PDF

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