Der Apfelbaum, den keiner wollte

Der Apfelbaum, den keiner wollte

Zusammenfassung: „Der Apfelbaum, den keiner wollte" in drei Sätzen

Auf der Streuobstwiese am Ortsrand steht ein alter Apfelbaum, dessen Äpfel klein, schief und fleckig sind.

Alle im Dorf gehen an ihm vorbei zu den schönen Bäumen weiter hinten.

Bis ein Mann aus der Stadt kommt, einen Apfel isst und stehen bleibt.

Der Apfelbaum, den keiner wollte – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 7 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab etwa 3 Jahren
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung

Hier beginnt die Geschichte

Am Ortsrand von Wehlen liegt eine Streuobstwiese.

Streuobstwiese heißt: hochstämmige Obstbäume, weit auseinander, dazwischen Gras, das zweimal im Jahr gemäht wird. Es ist die alte Art, Obst anzubauen — vor den Plantagen, in denen alle Bäume gleich groß sind und in Reihen stehen.

Auf der Wiese in Wehlen stehen vierunddreißig Bäume.

Sie gehören der Gemeinde, und wer will, darf pflücken.

Ganz vorn, gleich am Weg, steht einer, an dem niemand pflückt.
Die Streuobstwiese am Ortsrand von Wehlen Der Baum sieht nicht schlecht aus.

Er ist groß, er hat eine gute Krone, und er trägt zuverlässig.

Es sind die Äpfel.

Sie sind klein — ungefähr so groß wie ein Hühnerei —, sie sind selten rund, und sie haben braune Flecken auf der Schale, die aussehen wie Rost.

Neben ihm, drei Bäume weiter, steht ein Boskop mit Äpfeln, die aussehen wie aus einem Bilderbuch.

Also gehen alle drei Bäume weiter.

Im Herbst liegt unter dem ersten Baum das ganze Obst am Boden und wird braun, und im November kommen die Wespen, und im Dezember ist es weg.

Das ist seit ungefähr dreißig Jahren so.

Zweimal hat jemand vorgeschlagen, ihn zu fällen und einen neuen zu pflanzen. Beide Male ist nichts daraus geworden, weil Bäume fällen Geld kostet und weil er ja niemanden stört.
Kleine fleckige Äpfel neben makellosen An einem Samstag im Oktober kam ein Mann.

Er war Ende fünfzig, kam aus Bremen und hatte einen Rucksack dabei. Er ging langsam über die Wiese und schaute sich die Bäume an, nicht die Äpfel, sondern die Bäume: die Rinde, den Wuchs, die Astabgänge.

Bei dem vorderen blieb er stehen.

Er hob einen Apfel vom Boden auf, wischte ihn an der Hose ab und biss hinein.

Dann stand er ungefähr eine Minute lang da und kaute.

Dann biss er noch einmal ab.

Dann setzte er sich ins Gras.

Eine Frau, die mit ihrem Hund vorbeikam, fragte, ob alles in Ordnung sei. Man fragt das, wenn ein fremder Mann Ende fünfzig auf einer Wiese sitzt und einen Apfel anschaut.

„Ja", sagte er. „Wissen Sie, wie der heißt?"

Sie wusste es nicht. Sie wusste nicht einmal, dass Äpfel Namen haben.
Im Herbst liegt alles am Boden Der Mann hieß Herr Wolters und war Pomologe.

Pomologen sind Leute, die alte Obstsorten bestimmen. Es gibt in Deutschland ungefähr zweitausend Apfelsorten, von denen im Supermarkt etwa zehn vorkommen. Der Rest steht in Gärten und auf Streuobstwiesen, und bei vielen weiß niemand mehr, wie sie heißen.

Herr Wolters nahm zwölf Äpfel mit, in Papier gewickelt, jeder einzeln.

Man bestimmt eine Apfelsorte nämlich nicht am Geschmack allein. Man schaut sich die Form an, die Farbe der Schale, wie tief der Stiel sitzt, wie die Kelchgrube aussieht — das ist die kleine Vertiefung unten am Apfel — und man schneidet ihn auf und schaut sich das Kerngehäuse an.

Dann vergleicht man das mit Beschreibungen, die teilweise über hundert Jahre alt sind, mit Zeichnungen aus alten Büchern.

Das dauert.

Er kam drei Wochen später wieder und brachte einen Zettel mit.

Auf dem Zettel stand ein Name, den im Dorf noch nie jemand gehört hatte, und dahinter in Klammern: „letzte bekannte Bestände in Norddeutschland".

Er erklärte, was das bedeutet: dass diese Sorte fast verschwunden ist, dass sie früher in dieser Gegend verbreitet war, und dass ein Baum, der noch trägt, für die Sortenerhaltung etwas wert ist.

„Der Apfel schmeckt aber nicht besonders", sagte der Bürgermeister ehrlich.

„Roh nicht", sagte Herr Wolters. „Probieren Sie ihn mal gebacken."
Herr Wolters beißt hinein Die Moral von „Der Apfelbaum, den keiner wollte"

Dreißig Jahre lang geht das ganze Dorf an dem Baum vorbei, weil die Äpfel klein und fleckig sind. Das ist keine Bosheit — es ist einfach das, was man sieht.

Herr Wolters sieht etwas anderes, weil er weiß, worauf man schauen muss. Und dann beißt er hinein, was der eigentliche Trick ist: Er probiert, statt zu gucken.

Für Kinder ab sechs steckt darin ein sehr brauchbarer Gedanke, und er gilt nicht nur für Äpfel: Was schön aussieht und was gut ist, sind zwei verschiedene Fragen. Man muss sie getrennt stellen.
Zwölf Äpfel, einzeln in Papier Im Frühjahr werden Reiser geschnitten Sie probierten ihn gebacken.

Das war nicht ganz einfach zu organisieren, weil man dafür erst einmal Äpfel aufsammeln musste, was seit dreißig Jahren niemand gemacht hatte, und weil das ganze Dorf davon ausging, dass es nichts wird.

Es meldeten sich vier Leute. Sie sammelten an einem Nachmittag ungefähr zwanzig Kilo, was wenig ist, wenn man den Baum sieht.

Es stellte sich heraus, dass er beim Backen nicht zerfällt, was die meisten Äpfel tun, und dass er dabei einen Geschmack entwickelt, den mehrere Leute unabhängig voneinander als „nach Zimt, aber ohne Zimt" beschrieben.

Die Frau vom Landgasthof machte daraus einen Kuchen und setzte ihn auf die Karte.

Der Kuchen lief gut.

Im nächsten Frühjahr kam Herr Wolters mit einem Messer und schnitt Reiser vom Baum — dünne Triebe vom letzten Jahr — und veredelte sie auf junge Unterlagen, was bedeutet, dass daraus neue Bäume derselben Sorte werden.

Sechzehn Stück.

Ein veredelter Baum trägt nach ungefähr fünf Jahren die ersten Äpfel. Bis er richtig trägt, dauert es zehn.

Herr Wolters war Ende fünfzig, als er den ersten Apfel probiert hat. Er hat gesagt, das mache ihm nichts aus, das sei bei Obstbäumen normal, und wer einen Baum pflanzt, pflanzt ihn sowieso nicht für sich.

Zwölf davon stehen heute wieder in Wehlen, verteilt auf Gärten von Leuten, die sich gemeldet hatten. Vier stehen in einer Sortensammlung bei Bremen.

Der alte Baum steht immer noch vorn am Weg.

Es hängt jetzt ein kleines Schild dran, mit dem Sortennamen und einer Jahreszahl.

Und im Herbst liegt unter ihm nichts mehr am Boden.

Es gibt jetzt sogar eine Regel dafür, weil es kurz Ärger gab, als jemand am ersten Tag allein achtzig Kilo geholt hatte. Die Regel steht auf einem zweiten Schild darunter und lautet: pro Haushalt ein Eimer, ab dem 20. September.

Der Bürgermeister nennt das den einzigen Streit, den er je über einen hässlichen Apfel hatte.

Weißt du noch?

Fünf Fragen zum Vorlesen – Karte antippen, dann steht die Antwort da.

  1. 1Warum pflückt auf der Streuobstwiese in Wehlen niemand die Äpfel vom vordersten Baum?

    Weil seine Äpfel klein sind, ungefähr so groß wie ein Hühnerei, selten rund, und weil sie braune Flecken auf der Schale haben, die aussehen wie Rost. Drei Bäume weiter hängt ein Boskop mit Äpfeln wie aus dem Bilderbuch — also gehen alle drei Bäume weiter.

  2. 2Was macht der Mann aus Bremen, als er an einem Samstag im Oktober bei dem Baum stehen bleibt?

    Er hebt einen Apfel vom Boden auf, wischt ihn an der Hose ab und beißt hinein. Dann steht er ungefähr eine Minute lang da und kaut, beißt noch einmal ab und setzt sich ins Gras.

  3. 3Warum nimmt Herr Wolters zwölf Äpfel mit, jeden einzeln in Papier gewickelt?

    Weil er Pomologe ist und eine Apfelsorte nicht am Geschmack allein bestimmt. Er schaut sich Form, Schale, Stiel, Kelchgrube und Kerngehäuse an und vergleicht das mit Beschreibungen und Zeichnungen, die teilweise über hundert Jahre alt sind. Das dauert.

  4. 4Warum schmeckt der Apfel gebacken plötzlich gut?

    Der Bürgermeister sagt ehrlich, roh schmecke er nicht besonders. Beim Backen aber zerfällt er nicht, wie die meisten Äpfel es tun, und bekommt einen Geschmack, den mehrere Leute unabhängig voneinander „nach Zimt, aber ohne Zimt“ nannten. Die Frau vom Landgasthof machte einen Kuchen daraus, und der lief gut.

  5. 5Was hängt heute an dem alten Baum, und welche Regel gilt beim Pflücken?

    Ein kleines Schild mit dem Sortennamen und einer Jahreszahl. Und weil jemand am ersten Tag allein achtzig Kilo geholt hatte, steht auf einem zweiten Schild darunter: pro Haushalt ein Eimer, ab dem 20. September. Im Herbst liegt jetzt nichts mehr am Boden.

Wörter aus der Geschichte

Streuobstwiese
eine Wiese, auf der hohe Obstbäume weit auseinander stehen
Pomologe
jemand, der herausfinden kann, wie eine alte Obstsorte heißt
Kelchgrube
die kleine Vertiefung unten am Apfel
Kerngehäuse
das Innere vom Apfel, in dem die Kerne sitzen
Reiser
dünne junge Triebe, aus denen neue Bäume gezogen werden

Zum Weitererzählen

  • Warum schaut Herr Wolters sich zuerst die Bäume an und nicht die Äpfel?
  • Dreißig Jahre lang hat niemand von diesen Äpfeln probiert. Woran könnte das gelegen haben?
  • Ist es schlimm, wenn etwas schief und fleckig aussieht?
  • Wenn du einen Baum pflanzen könntest, dessen Früchte es erst in zehn Jahren gibt — würdest du ihn pflanzen?
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Diese Geschichte vor dem Einschlafen vorlesen

Sieben Minuten ohne Gefahr und ohne Konflikt. Es passiert nichts Aufregendes — jemand probiert einen Apfel, und daraus wird über zwei Jahre etwas.

Warum „Der Apfelbaum, den keiner wollte" zum Einschlafen passt

Die Geschichte enthält echtes Wissen über Streuobstwiesen und alte Apfelsorten. Wer im Herbst in der Gegend eine solche Wiese hat, kann danach sehr gut hingehen und schauen.

Sie ist ruhig und hat keinen Höhepunkt. Der Schluss — ein kleines Schild am Baum — ist ein guter Punkt zum Aufhören.

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Häufige Fragen zu Der Apfelbaum, den keiner wollte

Worum geht es in „Der Apfelbaum, den keiner wollte"?

Auf einer Streuobstwiese steht ein Apfelbaum mit kleinen fleckigen Früchten, an dem niemand pflückt. Ein Pomologe beißt hinein – und stellt fest, dass die Sorte fast verschwunden ist.

Für welches Alter ist die Geschichte gedacht?

Ab etwa sechs Jahren.

Wie lange dauert das Vorlesen?

Rund sieben Minuten.

Gibt es Pomologen wirklich?

Ja. Sie bestimmen alte Obstsorten, und in Deutschland gibt es rund zweitausend Apfelsorten – im Supermarkt liegen etwa zehn.

Passiert etwas Aufregendes?

Nein. Es ist eine ruhige Geschichte ohne Gefahr und ohne Streit.

Gibt es die Geschichte auch zum Anhören und als PDF?

Ja, beides steht unter der Geschichte, kostenlos und ohne Anmeldung.

Download als PDF

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