Die Nacht der hundert Laternen

Die Nacht der hundert Laternen

Zusammenfassung: „Die Nacht der hundert Laternen" in drei Sätzen

Einmal im Jahr, in der längsten Nacht, stellt jedes Haus im Tal eine Laterne ins Fenster, damit niemand den Weg verliert.

In diesem Jahr fehlt in der Reihe eine einzige Laterne — die vom Hof ganz oben, wo die alte Ritterin Hedde wohnt.

Zwei Kinder machen sich auf den Weg hinauf und finden heraus, warum.

Die Nacht der hundert Laternen – gut zu wissen

  • Vorlesedauer: etwa 9 Minuten
  • Zum Vorlesen: ab etwa 3 Jahren
  • Zum Ausdrucken: weiter unten kostenlos als PDF, ohne Anmeldung

Hier beginnt die Geschichte

In der längsten Nacht des Jahres machte man im Tal von Ohlbek immer dasselbe.

Jedes Haus stellte eine Laterne ins Fenster.

Nicht als Fest, nicht wegen irgendeiner Sage. Der Grund war ganz einfach: In der längsten Nacht ist es sehr lange dunkel, und wer dann noch unterwegs ist, soll den Weg finden.

Von oben, vom Grat aus, sah das Tal in dieser Nacht aus wie eine Kette, die jemand ins Schwarze gelegt hat.

Neunundneunzig Lichter.

Die hundertste Laterne stand immer ganz oben, im Fenster von Hof Rott, wo die alte Ritterin Hedde wohnte. Sie war die höchste im Tal und die erste, die man sah, wenn man über den Pass kam.

Hedde war früher eine richtige Ritterin gewesen, mit Pferd und Auftrag und allem. Inzwischen war sie zweiundachtzig und hatte einen Hof, elf Schafe und ein Knie, das ihr jedes Wetter drei Tage im Voraus meldete.

Sie kam selten ins Tal hinunter. Aber ihre Laterne stand jedes Jahr im Fenster, und zwar früher als alle anderen, weil sie fand, dass die oberste zuerst brennen muss.
Die Lichterkette im Tal von Ohlbek in der längsten Nacht Nele war neun und Bosse war sieben, und sie zählten jedes Jahr die Lichter.

Sie taten es vom Dachfenster ihres Hauses aus, mit einer Decke um die Schultern, und schrieben mit dem Finger in den beschlagenen Scheiben mit.

In diesem Jahr kam Nele auf neunundneunzig.

Sie zählte noch einmal. Neunundneunzig.

„Oben fehlt eine", sagte Bosse.

Sie schauten den Hang hinauf. Da, wo Hof Rott stehen musste, war nichts. Nur Schwarz.

„Vielleicht ist sie ausgegangen", sagte Nele.

„Vielleicht", sagte Bosse.

Sie schauten noch eine Weile. Die Laterne ging nicht wieder an.

Es ist merkwürdig, wie schnell ein einzelnes fehlendes Licht auffällt, wenn neunundneunzig andere brennen. Solange alles dunkel ist, fällt gar nichts auf.
Nele und Bosse zählen die Lichter vom Dachfenster aus Sie sagten ihren Eltern Bescheid, und ihre Mutter sagte: „Dann geht rauf und schaut nach."

So etwas sagte man in Ohlbek. In der längsten Nacht ging man nachschauen.

Es gab dafür keine Regel und keinen Spruch. Es war einfach die einzige Nacht im Jahr, in der ein dunkles Fenster etwas bedeutete.

Sie zogen sich dick an. Ihr Vater gab ihnen eine eigene Laterne mit und sagte: „Weg bleibt Weg. Nicht abkürzen."

Der Aufstieg dauerte eine gute Stunde.

Es war kalt und windstill, und der Schnee knirschte so laut, dass man sich beim Reden nicht anstrengen musste, um sich selbst zu hören.

Unterwegs kamen sie an fünf Häusern vorbei, und in jedem brannte ein Licht. Zweimal kam jemand an die Tür und fragte, wohin sie wollten.

„Nach oben. Da fehlt eine."

Beide Male nickte der Jemand und sagte: „Gut."

Und einmal bekam Bosse einen Keks.

Auf dem letzten Stück wurde der Weg steiler, und Nele nahm Bosse die Laterne ab, weil er sie beim Klettern schwenkte und die Schatten dabei sprangen.

Über ihnen stand der Himmel voller Sterne, so viele, wie man sie nur sieht, wenn es unten kaum Licht gibt. Bosse blieb einmal stehen und schaute hoch, bis ihm der Nacken wehtat.
Der Aufstieg zu Hof Rott mit der eigenen Laterne Hof Rott lag dunkel.

Kein Licht im Fenster, kein Rauch aus dem Schornstein, und die Haustür war zu.

Nele klopfte.

Nichts.

Sie klopfte noch einmal, lauter, und Bosse rief dazu.

Dann hörten sie von drinnen eine Stimme, die nicht sehr laut war.

„Ist offen."

Drinnen war es kalt.

Die alte Hedde saß in ihrem Sessel am erloschenen Kamin, in drei Decken, und sah nicht gut aus. Sie war vor zwei Tagen auf dem Weg zum Holzstapel gestürzt und kam seitdem nicht mehr richtig hoch. Das Holz lag draußen. Der Sessel stand drinnen. Dazwischen lagen zwölf Schritte, die für Hedde in dieser Woche zwölf Schritte zu viel waren.

„Ich hab die Laterne nicht hingestellt", sagte sie. „Das ist mir sehr unangenehm."

„Warum habt Ihr niemanden gerufen?", fragte Nele.

Hedde schaute in den kalten Kamin.

„Man ruft nicht so gern", sagte sie. „Man denkt, morgen geht es wieder."

„Und ging es?"

„Nein."

Sie sagte es ohne jede Klage, so wie man das Wetter feststellt.
Die alte Hedde sitzt am erloschenen Kamin Sie hatte recht.

Innerhalb einer Stunde war Hof Rott voller Menschen, was Hedde ziemlich peinlich war und was sie trotzdem nicht abstellen konnte.

Jemand brachte Suppe mit. Jemand schaute sich Heddes Fuß an. Zwei Männer trugen den ganzen Holzstapel von draußen in die Diele, weil jemand ausrechnete, dass der Weg zum Holz das eigentliche Problem war.

Ein Nachbar aus dem mittleren Teil des Tals sagte, er komme ab jetzt jeden Mittwoch hoch, ob Hedde das wolle oder nicht.

„Nicht", sagte Hedde.

„Ich komme trotzdem", sagte er, und damit war das geklärt.

Nele saß auf der Bank und hörte zu, wie Erwachsene über einen Wochenplan verhandelten wie über einen Kaufvertrag, und fand es schwer zu verstehen, warum man sich gegen Hilfe wehrt. Sie hat es später verstanden, aber da war sie schon selbst alt.

Und irgendwann saßen sie alle im warmen Zimmer, viel zu viele für einen Hof ganz oben am Hang, und in allen hundert Fenstern des Tals brannte eine Laterne.

Nele schlief als Erste ein, im Sessel, mit der Decke bis zur Nase.

Bosse hielt sich noch eine Weile.

Seit diesem Jahr zählt man in Ohlbek in der längsten Nacht nicht mehr nur bis hundert. Man schaut auch, ob wirklich alle hundert brennen — und wenn eine fehlt, geht jemand rauf.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann brennen sie noch heute alle.
Die hundertste Laterne steht wieder im Fenster Die Moral von „Die Nacht der hundert Laternen"

Die Laternen sind kein Brauch, sondern etwas Praktisches: Damit niemand den Weg verliert.

Genau deshalb funktioniert die Geschichte. Eine fehlende Laterne ist ein Zeichen, und die Leute im Tal haben gelernt, dieses Zeichen zu lesen. Nicht sofort — Nele und Bosse gehen als Erste hinauf, alle anderen erst, als das Licht wieder brennt.

Für Kinder steckt darin etwas sehr Konkretes: Wenn irgendwo etwas fehlt, das sonst immer da ist, dann lohnt es sich, nachzuschauen. Und für Erwachsene: Es gibt Nachbarschaften, in denen das jemand tut.
Der Hof ist voller Nachbarn Nele legte Feuer.

Sie musste dabei zweimal von vorn anfangen, weil das Anmachholz feucht war und weil sie es zu Hause sonst nie machen durfte. Beim dritten Versuch fing es.

Bosse holte Holz, sechs Gänge hin und her, weil er sieben war und ein Arm nicht viel fasst. Beim vierten Gang legte er ein Scheit vor die Tür, damit sie nicht zufiel, was Hedde vom Sessel aus mit einem Brummen quittierte, das Anerkennung bedeutete.

Als der Kamin brannte, wurde der Raum langsam wärmer, und Heddes Gesicht bekam wieder Farbe.

Dann suchten sie die Laterne.

Sie stand in der Küche, sauber geputzt, mit einer neuen Kerze darin. Hedde hatte sie vorbereitet, wie jedes Jahr, sie hatte sie nur nicht mehr ins Fenster gestellt.

Nele zündete sie an.

Bosse stellte sie ins Fenster, mittig, so wie es sich gehört.

Dann gingen sie zu dritt ans Fenster und schauten hinunter ins Tal.

Man sah die Kette. Neunundneunzig Lichter.

Und unten, ganz unten, ging plötzlich eine Tür auf, und jemand trat mit einer Laterne heraus auf den Weg.

Dann noch einer.

Dann drei.

„Was machen die?", fragte Bosse.

„Die haben gesehen, dass es wieder brennt", sagte Hedde. „Jetzt kommen sie rauf, um zu fragen, warum es vorher nicht gebrannt hat."

Weißt du noch?

Fünf Fragen zum Vorlesen – Karte antippen, dann steht die Antwort da.

  1. 1Warum stellt in der längsten Nacht jedes Haus im Tal von Ohlbek eine Laterne ins Fenster?

    Nicht als Fest und nicht wegen einer Sage. Der Grund ist ganz einfach: In der längsten Nacht ist es sehr lange dunkel, und wer dann noch unterwegs ist, soll den Weg finden.

  2. 2Was zählen Nele und Bosse in diesem Jahr am Dachfenster, und was stimmt daran nicht?

    Nele kommt auf neunundneunzig Lichter und zählt noch einmal nach — wieder neunundneunzig. Ganz oben am Hang, wo Hof Rott stehen müsste, ist nur Schwarz.

  3. 3Warum hat die alte Hedde ihre Laterne nicht ins Fenster gestellt?

    Sie ist vor zwei Tagen auf dem Weg zum Holzstapel gestürzt und kommt seitdem nicht mehr richtig hoch. Das Holz liegt draußen, der Sessel steht drinnen, und dazwischen liegen zwölf Schritte, die in dieser Woche zwölf Schritte zu viel sind.

  4. 4Was tun Nele und Bosse, als sie im kalten Haus stehen?

    Nele macht Feuer im erloschenen Kamin und muss dabei zweimal von vorn anfangen, weil das Anmachholz feucht ist. Bosse holt Holz, sechs Gänge hin und her, weil ein Arm mit sieben Jahren nicht viel fasst. Dann zünden sie die Laterne an und stellen sie ins Fenster, mittig, so wie es sich gehört.

  5. 5Was passiert unten im Tal, kaum dass die hundertste Laterne wieder brennt?

    Eine Tür geht auf, jemand tritt mit einer Laterne auf den Weg, dann noch einer, dann drei. Hedde weiß sofort, warum: Sie haben gesehen, dass es wieder brennt, und kommen herauf, um zu fragen, warum es vorher nicht gebrannt hat.

Wörter aus der Geschichte

Grat
der schmale oberste Rücken eines Bergs, von dem man weit hinuntersehen kann
Ritterin
eine Frau, die früher mit Pferd und Auftrag unterwegs war
Schornstein
das Rohr auf dem Dach, durch das der Rauch vom Feuer nach draußen zieht
Anmachholz
dünne kleine Holzstückchen, mit denen man ein Feuer in Gang bringt
Diele
der Flur gleich hinter der Haustür

Zum Weitererzählen

  • Nele und Bosse gehen mitten in der Nacht eine Stunde lang den Berg hinauf. Wärst du mitgegangen?
  • Hedde sagt, man rufe nicht so gern um Hilfe, man denke, morgen gehe es wieder. Warum ist Hilfe holen manchmal so schwer?
  • Der Nachbar sagt, er komme ab jetzt jeden Mittwoch hoch, ob Hedde das will oder nicht. War das nett oder zu bestimmt?
  • Wenn bei euch etwas fehlen würde, das sonst immer da ist — was wäre das, und wem würdest du als Erstes Bescheid sagen?
Weil hier ein Ritter vorkommt

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Diese Geschichte vor dem Einschlafen vorlesen

Neun Minuten ohne Bösewicht. Es gibt einen kurzen Moment der Sorge — ein dunkles Haus, das sonst immer leuchtet —, und der löst sich freundlich auf. Der Schluss ist ein volles, warmes Zimmer und ein Kind, das im Sessel einschläft.

Warum „Die Nacht der hundert Laternen" zum Einschlafen passt

Die Geschichte passt gut in die dunkle Jahreszeit und besonders zur Wintersonnenwende, ist aber nicht an ein bestimmtes Fest gebunden.

Sie endet mit einem Kind, das einschläft. Das ist als Vorlage gemeint – wer mag, hört genau dort auf.

Wenn „Die Nacht der hundert Laternen" gefallen hat

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Und wenn ein Buch daraus werden soll: Alle sechs Bände von Ritter Emil & Zauberer Henry handeln davon, dass zwei sich aufeinander verlassen können.

Häufige Fragen zu Die Nacht der hundert Laternen

Worum geht es in „Die Nacht der hundert Laternen"?

In der längsten Nacht stellt jedes Haus im Tal eine Laterne ins Fenster. In diesem Jahr fehlt eine – die vom höchsten Hof –, und zwei Kinder gehen hinauf, um nachzuschauen.

Für welches Alter ist die Geschichte gedacht?

Ab etwa drei Jahren. Sie ist mit zehn Minuten allerdings eine der längeren.

Wie lange dauert das Vorlesen?

Rund neun Minuten.

Ist die Geschichte traurig?

Nein. Der alten Hedde geht es nicht gut, aber ihr wird geholfen, und die zweite Hälfte der Geschichte ist warm und voll.

Passt sie zu Weihnachten?

Sie passt in die ganze dunkle Jahreszeit und besonders zur längsten Nacht – ein bestimmtes Fest kommt darin nicht vor.

Gibt es die Geschichte auch zum Anhören und als PDF?

Ja, beides steht unter der Geschichte, kostenlos und ohne Anmeldung.

Download als PDF

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